Die Schwangerschaft ist eine wunderschöne Zeit, wenn der Babybauch immer größer wird und das neue Leben heranwächst.

Einige dieser Momente möchte man dann in Bildern festhalten und so bin ich gerne dem Wunsch meiner Freunde gefolgt und habe in einem Fotoshooting, ohne Studio, ohne professionelle Beleuchtung ein paar Momente für die Zukunft festgehalten.

We were pleasantly surprised by Arles. It is a small town—significantly smaller than Béziers—yet it boasts a diverse cultural scene and a clearly visible alternative vibe and a beautiful, small, historic old town.

This is undoubtedly due to the *École Nationale Supérieure de la Photographie* and the annual photography festival, *Les Rencontres de la Photographie*, which is renowned far beyond the country’s borders.

Vietnam Rundreise von Ho-Chi-Minh-City nach Hanoi

Vietnam! Viel hatten wir im Vorfeld über Vietnam gehört und nur Gutes, nur Superlative, dementsprechend gespannt waren wir auf das was uns erwarten würde.

Wir bereisten Vietnam 6 Wochen, kamen im Ho-Chi-Minh-City an und flogen von Hanoi zurück.

Ich spare es mir hier die üblichen Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten, die man überall und in jedem Reiseführer nachlesen kann. Ich schildere unsere persönlichen Eindrücke und Empfindungen, die natürlich subjektiv und nicht repräsentativ sind.

Es gibt so viel zu sehen in Vietnam, dass sechs Wochen einfach nicht ausreichen auch nur halbwegs das zu sehen, was man alles gerne sehen und besuchen würde. Wir reisten ohne festen Plan und ließen uns treiben und entschieden kurzfristig, was wir tun würden, ob wir länger an einem Ort bleiben würden (was regelmäßig passierte) oder schnell weiterreisen würden.

Leider ist es in Vietnam nicht einfach so möglich als Ausländer ein Auto zu mieten, was das Reisen etwas kompliziert macht, da man immer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist und somit immer dort ankommt, wo alle anderen auch schon angekommen sind.
Allerdings kann man Mopeds und Motorräder mieten. Ich würde, sollte ich nochmals nach Vietnam reisen auf jeden Fall ein Motorrad mieten und Vietnam dann mit dem Motorrad machen, statt ständig auf Bussen rumzugurken.
Ich fahre auf Reisen einfach gerne los und entscheide dann unterwegs spontan wo ich bleibe oder anhalte, weil es hier eben gerade schön ist. Mit dem Bus geht das natürlich nicht, da muss man vorher entscheiden von wo nach wo man fährt und dann fahren die Busse immer die Hauptstraßen entlang und nicht die Küsten-, Berg-, Nebenstraßen wo man viel mehr sieht und die Landschaft viel schöner ist.

Ho-Chi-Ming-Stadt – Saigon

Ho-Chi-Minh-City unsere erste Station ist eine moderne Großstadt und hat uns (jetzt rückblickend) auch besser gefallen als Hanoi, von dem aber alle Leute so schwärmen.

Warum? Schwer zu sagen, ist einfach so ein persönliches Gefühl. Moderner, westlicher, kreativer empfanden wir es und weniger „Touristenabzocke“.

Impressionen aus Ho-Chi-Minh-Stadt

Ho Chi Minh City by night

Eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in Vietnam: Fotos in traditionellen Kostümen. Hier vor dem Wiedervereinigungspalast in Ho-Chi-Minh-Stadt

 

Can Tho – Mekong Delta

Nach 4 Tagen Ho-Chi-Minh-City fuhren wir mit dem Bus nach Can Tho ins Mekong Delta.
Ich glaube um den Mekong, das Mekong Delta wirklich zu erleben, zu spüren, zu erfahren muss man eine mehrtägige Kreuzfahrt machen. Bei irgendwelchen Tagesausflügen kann man die Macht dieses Stromes und die Dimensionen des Deltas einfach nicht spüren, nicht erfahren. Schade für uns!
Der Fluss ist extrem verschmutzt. Das Plastik unserer Zivilisation ist überall. Mehrmals mussten wir anhalten und unsere Bootsführerin musste die Schiffsschraube ihres Außenborders, die von Plastik blockiert war, wieder gangbar machen.

Was in fast allen Städten Vietnams sehr „auffällig“ ist, man muss nur ein paar hundert Meter von den Touristenpfaden abweichen und schon ist man in einer anderen Welt. In Can Tho erlebten wir das das erste Mal auf der Suche nach einer Apotheke. Diese war ca. 500 m vom Zentrum entfernt. Wir mussten eine Hauptstraße überqueren und plötzlich waren wir in einem Stadtviertel mit ganz vielen kleinen Geschäfte, Straßenrestaurants und kaum noch Touristen. In den Reiseführern stand von dem Viertel nicht, in denen steht halt überall dasselbe und deshalb latschen alle auf den selben Pfaden.

 

Da Nang

Da Nang, welches wir von Can Tho aus mit dem Flugzeug ansteuerten ist mit seinem internationalen Flughafen ein großes Touristenzentrum, mit vielen, großen Hotels. Chinesen, Inder, Südkoreaner bilden die größten Touristengruppen. Kein Ort für einen ruhigen Urlaub, eher Costa Brava und El Arenal. Trotzdem waren wir hier 6 Tage, mieteten ein Moped und erkundeten die Gegend. Wir wechselten nach drei Tagen auch das Hotel und mieteten uns in einem wunderschönen, etwas kleinerem Hotel am Fluß ein. Weg von den Bettenburgen am Strand. Das vermutlich schönste (und auch teuerste) Hotel auf unserer Reise.

 

Hoi An – angeblich die schönste Stadt Vietnams

Hoi An…. Die angeblich schönste Stadt Vietnams.
Für uns fällt diese allerdings unter die Rubrik „muss man einmal gewesen zu sein, um dann nie wieder hinfahren zu müssen“. Touristenmassen schieben sich durch die Gassen, die ganze Innenstadt ist ein einziger Touristennepp.
Wir trafen eine Touristin, die 14 Jahre zuvor schon mal hier war und völlig geschockt war. Sie sagte, sie erkennt nichts wieder und sie fände es total schrecklich. Vor 14 Jahren gab es tatsächlich noch viele Werkstätten und Künstlerateliers, welche vor Ort arbeiteten und ihre Produkte verkauften. Heute ist Hoi An eine Ansammlung von Souvenirläden, Cafés und Restaurants.

Wir haben wieder mal ein Moped gemietet und wenn man nur 5 km aus Hoi An rausfährt ist man in einer anderen Welt. Es wird viel ruhiger, die Zahl der Touristen sinkt dramatisch fast gegen Null und plötzlich steht man mitten in Reisfeldern und inmitten der Reisfelder gibts ein kleines Café mit bezaubernden Betreibern, wo man fast alleine ist.

 

Vinh Hoa

Nach all dem Trubel, nach Menschenmassen, Lärm, Verkehr wollten wir unbedingt ein paar Tage ausspannen. Ein Strand mit wenig Touristen war unsere Idee. Schwer ohne Auto, nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Also ein wenig Recherche im Netz und wir fanden einen kleinen Ort 40 km von Quy Nonh. In dem es ein paar km Strand gab aber nur genau 2 Unterkünfte Eine davon buchten wir dann. Es wurde eines der Highlights unseres Urlaubs!

Ein kleines Fischerdorf an einem ca. 4 km langem Strand gelegen. Es gibt in dem Fischerort keinen Supermarkt nur ein paar kleine „Suppenküchen“ und Miniläden, wo die Leute quasi aus der Wohnung heraus das nötigste verkaufen.

Unsere Unterkunft bestand aus 5 Zimmern, direkt am Strand und eine Familie kümmerte sich um das Wohl der Gäste. Ein Hauch von Paradies.
Der Strand direkt vor dem Fischerort war überschwemmt mit Dreck, Müll und Unrat, während die restlichen 3 km südlich des Ortes recht sauber waren. Wir verlängerten den Aufenthalt auch spontan um einen Tag und bliebe 4 Tage, weil es einfach sooo erholsam, ruhig und schön war.

 

Die alte Kaiserstadt Hue

Von Quy Nonh aus ging es dann mit dem Zug nach Hue, der alten Kaiserstadt. Entgegen unseren Erwartungen und Erfahrungen in Hoi An, war es hier viel angenehmer. Natürlich auch viele Touristen, aber nicht so überlaufen, nicht so voll, nicht so unangenehm wie in Hoi An. Hue würde ich auf jeden Fall wieder besuchen, käme ich nochmal nach Vietnam. Kulturell hat die Stadt und das Umland so viel zu bieten. Wir mieteten zwei Motorräder mit Fahrer und Guide und ließen uns ein wenig die Grabstätten und Tempel des Umlandes zeigen. Das war wirklich schön und sehr entspannt, kann ich jedem nur empfehlen.

Die Umgebung von Hue mit ihren Kaisergräbern und anderen Sehenswürdigkeiten

 

Von Hue ging es per Flugzeug nach Hanoi, wo wir drei Nächte blieben und danach für 3 Tage/ 2 Nächte eine Kreuzfahrt in der Ha Long und Lan Ha Bucht machten. Landschaftlich ein absoluter Traum, wenn auch total überlaufen. Die meist besuchte Sehenswürdigkeit Vietnams.

Ha Long Bay – Lan Ha Bay

Von Halong dann nach Ninh Binh, respektive Tam Coc. Wir blieben mal wieder zwei Tage länger als ursprünglich geplant, mussten leider das Hotel wechseln, weil das erste wegen der Neujahrs Feiertage schloss. Beide male hatten wir Unterkünfte außerhalb des Ortes, beide sehr schön, sehr ruhig und mitten in einer wunderbaren Landschaft.

Ninh Binh – Tam Coc

Neujahrsfest!! Eigentlich wollten wir ja noch nach Ban Gioc zu den berühmten Wasserfällen an der chinesischen Grenze. Aber das Land steht still. Ich hätte das nie geglaubt. Dieses laute, überfüllte, lebendige Land steht plötzlich still. Leere Straßen, Ruhe, kein Lärm, kein Treiben, die Märkte min. 4 Tage lang geschlossen. Unglaublich.
Leider fanden wir auch keinen einzigen Bus um von Ninh Binh nach Ban Bioc zu kommen.

Also hieß es umplanen. Vielleicht nochmal ein paar Tage an einen Strand? Wir suchten ein wenig im Internet, befragten KI, wo es denn in der Nähe Strände gäbe.
Der Norden von Vietnam ist kein „Strandparadies“, außerdem ist es Winter in Norden von Vietnam. Der nächste schöne, tropische Strand wäre ca. 350km südlich von uns, was uns aber zu weit war. Als Sommerbadeort der Vietnamesen fanden wir aber Sam Son nur ca. 60 km entfernt. Also nix wie los und hin. Wir buchten ein Hotel direkt am Strand und fuhren mit einem Grab (das asiatische Uber) Richtung Sam Son.
Als wir ankamen waren wir erstmal echt „überrascht“ um es vorsichtig auszudrücken. Unser Hotel lag zwar faktisch noch in Sam Son, allerdings in einem Vorort ca. 8 km vom Zentrum. Mitten in einem Neubaukomplex, einer Gated Community gelegen, welche man martialisch mitten in den dörflichen Vorort gepflastert hatte. 10 Hektar groß, einige hundert Apartments, ein zweites riesen Hotel… ABER alles leer, verwaist. Manche Gebäude noch gar nicht ganz fertiggestellt, andere hatten schon die ersten Verfallserscheinungen. Auch im Hotel schien außer uns kein weiterer Gast zu sein. Ein wenig gespenstisch, aber wir nahmen es mit Humor. Keine Menschen, Geisterstadt…. Das bedeutet ja auch „endlich mal wieder Ruhe“!

Das Hotel war total schön, erst vor wenigen Monaten eröffnet, direkt am Strand, das Personal sehr freundlich und wir fühlten uns wirklich wohl.

Wir nahmen uns dann zwei Fahrräder vom Hotel und erkundeten ein wenig die Gegend und versuchten auch was zu essen und trinken zu bekommen, trotz Neujahrsfeiertag. Wir fuhren also aus der „künstlichen Areal“ raus in Vorort von Sam Son und wir waren im wirklichen Vietnam. Ein Vietnam ohne Touristen. Wir fanden einen kleinen Lebensmittelladen von der Sorte, wo die Betreiber leben wo sie arbeiten und arbeiten wo sie leben, wie man ihn aus vielen anderen Ländern Afrikas, Asiens, Südamerikas auch kennt. Wir kauften was zu essen und zu trinken und aus der Nachbarschaft kamen Kinder gelaufen um zu staunen welche „seltsamen“ Ausländer sich da gerade „verlaufen“ haben.
Danach fuhren wir noch deine Stunde durch den Ort, der sich mehrere Kilometer am Meer entlang hinzog. Fast überall waren die Haustüren offen und die Menschen feierten mit Familie Neujahr. Wenn sie uns sahen kamen sie aus den Häusern winkten uns zu und wünschten uns „Happy New Year“.

 

Da das Zentrum von Sam Son wirklich weit war fragten wir an der Rezeption ob es eine Motorroller Vermietung in der Nähe gäbe. Gab es nicht, außerdem ist ja Neujahr. Eine der Rezeptionistinnen bot uns aber ihren Motorroller an, den wir für 2 Tage gerne haben könnten. Bezahlt wollte sie dafür nicht werden. Wir nahmen das Angebot gerne an, natürlich nur unter der Bedingung, dass wir ihr den Preis bezahlen würden, den wir auch bei einer Vermietung bezahlen müssten. Und so waren wir dann etwas mobil und konnten die Gegend erkunden. Selbst im Zentrum von Sam Son waren alle Geschäfte geschlossen nur einige Restaurants und Streetfoods waren geöffnet. Viele Hotels waren geschlossen, weil keine Saison ist und die Straßen waren auto-und menschenleer. Nur am Tempel herrschte Andrang und reges Treiben, man geht Neujahr in den Tempel und opfert ein paar Sachen um im Neuen Jahr Glück und Gesundheit zu haben.

Und… wir waren die einzigen Touristen. Wir haben in den drei Tagen in Sam Son genau zwei andere Touristen getroffen. Eine Orte wo ich mich wirklich in Vietnam fühlte und nicht in einem internationalen Touristenzentrum. Für mich war Sam Son einer der schönsten Momente Vietnams.

Hanoi

Von Sam Son gings dann die letzten Tage nochmal zurück nach Hanoi.

Hanoi… viel gelobt, viel gepriesen, für mich/uns eine große Enttäuschung. Eine große Touristenfalle. Das touristische Zentrum ist eine Ansammlung von Touristenläden, die alle die selben Sachen zu völlig überzogenen Preisen verkaufen. Wir nannten das Zentrum nur „rip-off-street“. Wir wollten noch ein paar Einkäufe tätigen und hatten uns das für die letzte Station, für Hanoi aufgehoben, weil wir die Einkäufe nicht die ganze Zeit mitschleppen wollten. Aber hier waren alle Sachen viel teurer als z. B. in Ninh Binh.

Wie wir nach 2 Tagen aber schnell feststellten reicht es auch in Hanoi wenn man nur ca. 500m aus dem Zentrum rausgeht und schon sinkt die Touristendichte dramatisch und man ist mehrheitlich von Einheimischen umgeben. Die meisten Touristen sind offensichtlich 2-3 Nächte in Hanoi und haben weder die Zeit, noch die Muse die Stadt außerhalb des Touristenzentrums zu erkunden. Zum Glück, möchte ich sagen, so kann man den Massen auch leicht entgehen.

Nur ein Beispiel: Es gibt die berühmte Eisenbahnbrücke Càu Long Bien, über den Roten Fluß welcher Hanoi teilt. Die Brücke selber ist schon nicht mehr sehr von Touristen frequentiert, aber die wenigen die kommen, machen ihre Instagramfotos und gehen wieder. Wir liefen die ca. 2 km über die Brücke und waren „in einer anderen Welt“. Normale Stadtviertel, normale Geschäfte, Straßenmärkte ohne einen einzigen Touristen. Es war toll!! Das waren die Momente in denen ich Vietnam liebte.

Eisenbahnbrücke über den Roten Fluss auf die „andere Seite“ von Hanoi

Fazit unserer Vietnam Reise

Mein Fazit nach 6 Wochen Vietnam und nachdem ich mit (wieder zurück zu Hause) mit Menschen sprach die mal in Vietnam lebten, oder Vietnamesen, die bei uns in Europa leben.

Vietnam ist auf jeden Fall eine Reise wert. Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit, das Essen ist toll, es ist für europäische Verhältnisse preiswert, Kriminalität ist kein Thema. Ein tolles, entspanntes Reiseland.

Wer allerdings nach Vietnam fährt und erwartet das alte typische Indochina zu finden, wird (wie wir auch) ein wenig enttäuscht sein und/oder erschrecken. Vietnam ist ein aufstrebendes Land, es ist voll, es ist laut, es ist massig Verkehr, es wird viel gebaut, viel investiert, es hat Massentourismus. Vietnam ist vielleicht das „Mallorca“ von Indien, China, Korea und die beliebten Strände und Badeorte sind überlaufen und werden, wenn sie es nicht schon sind, mit Hotelburgen zugepflastert. Einsame, schöne tropische Strände muss man immer mehr suchen und sie werden immer seltener.

Ein Manko (für mich) wie schon erwähnt das „Transportproblem“. Immer nur mit Bussen überall dorthin fahren, wo alle anderen auch schon sind. Nächstes Mal auf jeden Fall ein Motorrad mieten und selbständig und autonom reisen.

Die Verständigung ist schwierig. In den Touristenzentren, den Hotels, etc. sprechen natürlich fast alle Leute englisch. Außerhalb wird es schwierig. Wir haben so viele interessante Dinge gesehen und hätten so viele Fragen gehabt. „Warum macht Ihr das so?“, „Was macht Ihr da gerade?“, „Wie funktioniert dieses und jenes bei Euch?“, und, und, und. Aber selbst mit der Übersetzungs App ist eine Kommunikation die über das gewohnte, alltäglich hinausgeht schwierig. Ich weiß nicht ob die Übersetzung nicht gut ist, oder die Menschen nicht verstehen was man meint. Das ist ein wenig schade, denn ich hätte so gerne, so viel mehr über Vietnam aus erster Hand erfahren.

 

Was hatte ich nicht alles über Marokko gehört im Vorfeld unserer Reise. Von Superlativen bis “nie wieder“ war alles dabei. So war ich wirklich gespannt, was mich erwarten würde.
Ursprünglich wollte ich ja nur sieben Tage mit Beduinen durch die Wüste wandern und wieder nach Hause fliegen. Nach einem kurzen Blick in einen Reiseführer und der Feststellung, dass es so viel zu sehen gibt wurden dann 23 Tage daraus mit dem Ausgangs- und Endpunkt Marrakesch.

Nach 14 Tagen in der spanischen Provinz trafen wir in Bilbao ein. Die Stadt überrollte und überforderte besonders mich erst einmal mit voller Wucht. Enge Straßen, enge Bürgersteige, viel Verkehr, viele Touristen, puuhhhh, echt stressig nach der Ruhe in der Nordspanischen Provinz.
Überall auf der Straße brodelt das Leben. In der Neustadt unweit des Guggenheim Museums, mit ihren wundervollen Gründerzeitbauten finden sich ganz viele hippe Lokale, in denen und vor denen gut gekleidete Leute sitzen und stehen, mit Vino oder Cerveza in der Hand, posieren, quatschen um zu sehen und gesehen zu werden, während die dicken SUVs und teuren Karossen durch die Straßen kurven und keine Parkplätze finden. Sehr geleckt, sehr geschleckt und viel Schickeria… das ist für mich Bilbao, auch nach vier Tagen hat sich dieser Eindruck nicht verändert. Auch der nicht, dass die Menschen hier nicht so offen und herzlich sind wie in all den anderen Orten, in denen wir bisher waren. Wir dachten erst, das wäre vielleicht die baskische Mentalität, aber in San Sebastian, 100km weiter und immer noch Baskenland, änderte sich das wieder und die Menschen begegneten uns wieder wie zuvor: Offen, freundliche, herzlich.


Das Highlight Bilbaos ist natürlich das Guggenheim-Museum. Oft schon auf Fotos oder im Fernsehen gesehen ist der Bau in natura doch viel imposanter und beeindruckender als ich ihn mir vorgestellt hatte. Wirklich eines schönsten Gebäude, das ich kenne. Das von Frank Gehry entworfenen Gebäude hat maßgeblich den Begriff des Bilbao-Effekts mit begründet, auch wenn das nicht ganz richtig ist.

Bis in die 1990er Jahre war Bilbao ein Industriezentrum mit Eisenhütten, chemischer Industrie und dem größten Hafen des Landes aber auch der höchsten Schadstoffbelastung der Luft in Spanien und weiten Teilen Europas. Die Politik hat konsequent gehandelt und ein umfassendes Stadterneuerungskonzept aufgelegt. Die größten Verschmutzer wurden geschlossen, der Hafen weiter flussabwärts aus der Stadt hinaus und ein Stadterneuerungsprogramm aufgelegt. Das Guggenheim Museum war einer der Eckpfeiler, aber daneben durfte sich gefühlt jeder Stararchitekt in Bilbao mit einem Projekt verewigen. So durfte der Argentinische Architekt Cesar Pelli (der u. a. die Petronas Tower in Kuala Lumpur entworfen hat) das neue Stadtviertel Abandoibarra nahe dem Guggenheim-Museum und dem Museum der Schönen Künste entwerfen. Santiago Calatrava durfte die weiße Fußgängerbrücke Zubizuri entwerfen und den Flughafen umbauen, Javier Manterola die Euskalduna-Brücke bauen. Norman Foster durfte an der Erweiterung der U-Bahn arbeiten, Philippe Starck ein Kultur- und Sportzentrum gestalten und Zaha Hadid auf einer Halbinsel im Fluss ein völlig neues Wohnviertel aufbauen. Dazu Milliardeninvestitionen in Infrastruktur… All das macht den heute berühmten Bilbao-Effekt aus und machte Bilbao zu der Stadt, die es heute ist.

Von Santander aus fuhren wir weiter die grüne, wilde, überall schon (Anfang/Mitte März) blühende Nordküste Spaniens entlang. Santillana del Mar, Comillas, San Vicente de la Barquera, Potes, Llanes, waren die nächsten Stationen. Mitte März ist die Natur hier schon so weit, wie bei uns erst Ende April, Anfang Mai. Die Mandelbäume und Magnolien blühen, die Wiesen sind weiß von Gänseblümchen oder gelb vom Löwenzahn. Die Temperaturen hier liegen laut Wetter-App sogar immer ca. 2 Grad über denen von Barcelona. Damit hätte ich hier im „hohen“ Norden von Spanien nicht gerechnet. Erwartet hatte ich eher viel Regen und Temperaturen um die zehn Grad.
Von San Vincente de la Barquera ging es dann nach Potes in den Nationalpark Picos de Europa mit seinen bis zu 2600m hohen Bergen. Blühende Bäume und 20 Grad im Tal, Schnee auf den Bergen.
Eigentlich wollten wir weiter rein in die Picos zum Wandern, aber der Wetterbericht für die weiteren Tage sagte null bis sechs Grad und Regen für die Gegend, in der wir wandern wollten voraus, was und dann doch sehr unattraktiv erschien. So musste Plan B her. Gijon… angeblich nicht soo spannend, Oviedo… ja, vielleicht.

Aber dann stießen wir auf Avilés. Avilés? Who the fuck is Avilés? Noch nie was von gehört, aber die Beschreibung lies sich spannend. Man solle sich nicht abschrecken lassen von den Ausläufern der Stadt, die aus Industrieruinen und unschönen Wohngebieten besteht, aber mit einer kleinen, schönen Altstadt im Zentrum aufwarten kann. Das hörte sich nach einer Stadt an, die noch nicht durchgentrifiziert und von Touristenmassen überlaufen ist, also fuhren wir hin und wir wurden nicht enttäuscht.
Vor vielen Jahren schon der Zusammenbruch der Stahlindustrie, Arbeitsplatzverluste, Niedergang, Armut, Arbeitslosenquote heute noch um die 20% (Jugendarbeitslosigkeit angeblich über 30%), das sind Eckdaten von Avilés, trotzdem empfing uns eine Stadt voller offener, freundlicher und lebenslustiger Menschen, am Meer gelegen, der Strand nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt finden wir das die Stadt viel Lebensqualität hat.

Niedergang, oder schon Aufbruch? Diese Frage ist in Avilés schwer zu beantworten. Einerseits massig Immobilien zum Verkauf, zu Quadratmeterpreisen ab 800 Euro, andererseits aber ein paar moderne Cafés, die man auch in Berlin finden könnte und ein paar tolle, gute Restaurants, wie z. B. das Ronda14, welches der Ableger eines Restaurants in Madrid ist und wirklich gute, innovative Küche anbietet, ohne dabei überkandiedelt oder abgehoben zu sein. Wir waren so begeistert, dass wir alleine deswegen mal wieder kommen würden.
Dem Niedergang hat Avilés u. a. versucht mit dem Centro Niemeyer entgegenzuwirken. Der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer hat ein futuristisches und wirklich tolles Kulturzentrum entworfen, welches 2011 eröffnet wurde. Gehofft hat man in Avilés wohl auf den berühmten Bilbao-Effekt, der aber leider ausgeblieben ist. An Wochentagen ist man oft ganz alleine im Centro. Man muss natürlich berücksichtigen, dass Bilbao damals viel mehr gegen den Niedergang getan hat, als nur ein Museum zu bauen.

Man sagt, dass Tel Aviv die israelischste Stadt Israels ist. Nicht die jüdischste, das sicher nicht, aber die israelischste!

13. März 2017, mein privates Handy klingelt, eine unbekannte Rufnummer wird im Display angezeigt. Ich melde mich und irgendjemand, den ich nicht kenne erzählt mir was, das ich nicht verstehe. Ich frage den Anrufer, ob er denn sicher sei mit der richtigen Person zu sprechen.
„Sind Sie denn nicht Herr Titz, der am 20.3. eine Fahrt als Passagier auf einem Frachtschiff gebucht hat?“
„Ja natürlich, das bin ich, dann sind Sie richtig bei mir, sorry ich stand gerade auf dem Schlauch!“
Am Telefon war Herr von Puttkamer, Kapitän des Containerschiffes Henrike Schepers, auf der ich ab 20.3. von Rotterdam nach Hull und zurück fahren werde. Damit, dass mich der Kapitän persönlich anruft hatte ich natürlich nicht gerechnet, da die gesamte Abwicklung sonst über eine Reiseagentur lief. Kapitän von Puttkamer bat mich ihm eine Kopie meines Passes per Mail zukommen zu lassen, da er jede Person, die auf seinem Schiff fährt den Behörden vorab melden muss.
Der Kapitän informiert mich, dass die Henrike Schepers laut Plan am 17.3. gegen 16:00 Uhr in Rotterdam einlaufen soll und ich dann auch gleich an Bord kommen könne. Er würde mich aber ungefähr zwei Stunden vor Einlaufen nochmal anrufen und mir Bescheid geben, da sich die Zeiten immer noch kurzfristig um ein bis zwei Stunden nach vorne verschieben könnten. Wenn ich noch Fragen hätte, darf ich ihn über diese Handynummer jederzeit anrufen.

 

Ich hatte irgendwann im Herbst 2016 die Idee auf einem Containerschiff mitzufahren, dabei zu fotografieren und eine kleine Reportage zu machen. Wie ich schon erwartet hatte gestaltete sich das sehr schwierig. Ich schrieb mehrere Reedereien und Reiseagenturen an, die Mitfahrgelegenheiten auf Frachtschiffen im Angebot hatten. Aber beim Thema Fotografieren und Reportage war dann meist Schluss. „Erlauben wir nicht“, „Mit Journalisten haben wir schlechte Erfahrungen gemacht“, oder einfach keine Antwort, waren die Reaktionen. Einzig die Agentur für Frachtschiffreisen Pfeiffer machte mir Hoffnung, allerdings erst wieder 2017, weil jetzt im Winter keine Passagiere mitfahren könnten. Zu schlechtes Wetter, zu gefährlich. Die Fahrtrouten und Pläne für 2017 gibt es aber so lange im Voraus noch nicht, so dass man mir jetzt aktuell nichts anbieten kann. Ich soll mich gerne im Frühjahr 2017 nochmal melden, wenn die neuen Pläne und Routen vorliegen, was ich dann, allerdings ohne viel Hoffnung auf Erfolg, im Februar auch tat. Erfreulicherweise konnte mir die Agentur aber tatsächlich die Mitfahrgelegenheit bei einer Reederei anbieten, die nichts gegen fotografieren an Bord hatte. Fast entschuldigend teilte man mir mit, dass es sich dabei aber „nur“ um eine Fahrt von Rotterdam nach England und zurück handelt. Aber die Route war mir ja egal, mir ging es ja um die Fahrt an sich, nicht um eine „tolle“ Route. So landete ich bei Kapitän von Puttkamer und der Henrike Schepers und fuhr am 16.3.2017 mit dem Zug von Berlin nach Rotterdam.

 
Am 17.3. gegen 12:00 ruft Kapitän von Puttkamer wie versprochen an und teilt mir mit, dass die Henrike Schepers bereits um 14:30 einlaufen wird und ich dann jederzeit an Bord kommen darf.

 

Ich bestelle ein Taxi mit Hafenberechtigung für 14:00 Uhr in mein Hotel, welches mich erst zum Immigration-Office und dann in den Hafen an die Pier direkt bis ans Schiff bringt. Dieser Service kostet 40 Euro, aber ich bin froh, diesen in Anspruch genommen zu haben. Rotterdam ist der größte Hafen Europas, hat die Ausmaße einer Stadt. Das Immigration-Office ist irgendwo im Hafens ca. 15 Fahrminuten von dem Pier entfernt an dem mein Schiff anlegt. Hätte ich das alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen müssen, wäre ich wohl ewig unterwegs gewesen. So bin ich vom Hotel in ca. 45 Minuten am Schiff, inkl. dem Abstecher zur Immigration.
 


 
Als ich ankomme hat die Henrike Schepers gerade eben erst fest gemacht und die Gangway ist noch nicht heruntergelassen. So warte ich einige Minuten bis zwei Seeleute die Gangway installiert haben und ich an Bord gehen kann und von Kapitän von Puttkamer empfangen werde. Eine kurze Einweisung, Besuch und Vorstellung beim Deckoffiziers, der auf der Henrike Schwpers auch gleichzeitig der Erste Offizier ist und sein Büro direkt am Eingang des Schiffes hat. Danach bringt mich der Kapitän zu meiner Kajüte und lässt mich dort fürs erste zurück, da er jetzt nach dem Einlaufen noch ein paar Dinge zu erledigen hat. Wenn er damit fertig ist will er mich für einen Rundgang durchs Schiff abholen. Ich darf mich aber gerne schon auf dem Schiff frei bewegen und gerne auch auf die Brücke kommen, nur das Frachtdeck ist tabu, da dort gerade entladen wird und dies ohne Einweisung und Sicherheitsausrüstung nicht betreten werden darf. Da ich noch total fremd bin und mich gar nicht auskenne, entscheide ich ich in der Kajüte zu bleiben und zu warten bis ich zum Rundgang abgeholt werde. Aus meinen Fenstern kann ich dann schon mal das Entladen beobachten.
 
Rotterdam: Größter Hafen Europas, ein Ort der niemals schläft. 365 Tage im Jahr 24 Std. am Tag permanente Geschäftigkeit ohne Pause.
 


 
Die riesigen Kräne, die wie große Spinnen über uns und das Schiff hinweggleiten bewegen Container hin und her, pausenlos ohne Unterbrechung, Tag und Nacht. Jeder dieser Kräne schafft es bis zu 35 Container pro Stunde zu bewegen. Zwei Kräne gleichzeitig fertigen zeitweise die Henrike Schepers ab. Maximal können bis zu vier Kräne gleichzeitig an einem Schiff der Größe der Henrike Schepers laden und entladen. An den großen 400m-Containerfrachtern können bis zu 8 Kräne parallel arbeiten, so dass das Be- und Entladden so eines Riesenschiffes am Ende nicht länger dauert als das, der mit 131m relativ kleinen Henrike Schepers. Jeder Kran be- und entlädt parallel mehrere Schiffe und zusätzlich auch noch die LKWs, welche die Container anliefern und abholen. Ein ausgeklügeltes Computersystem in der Frachtzentrale entscheidet, welcher Kran, welchen Container von wo nach wo bewegt. Der Computer weiß genau wo welcher Container steht und welche Container evtl. schon mal von unten nach oben umsortiert werden müssen. Für mich als menschlicher Beobachter sieht das Ganze irgendwie planlos aus, wobei natürlich genau das Gegenteil der Fall ist: Ein hoch effizientes System! Wo früher mal tausende Arbeiter damit beschäftigt waren Schiffe zu be- und entladen reichen heute, im Containerzeitalter, eine handvoll Leute in den Kränen und in der Ladezentrale des Hafens.
 


 
Die Kranführer bekommen von Computern die genaue Anweisung wo sie welchen Container holen müssen, und wo sie den dann abzustellen haben. Der Kranführer ist „nur“ dafür verantwortlich den entsprechenden Container dann zentimetergenau in die vorgesehenen Halterungen zu stellen. Danach wird er gesichert und evtl. ans Stromnetz angeschlossen, falls es ein Kühlcontainer ist. Das Sichern der Container wird auf der Henrike Schepers nicht von einem externen Dienstleister durchgeführt, sondern von den meist philippinischen Seeleuten des Schiffes selbst gemacht. Diese werden dafür extra bezahlt und können so ihre Heuer verbessern und mehr Geld verdienen, weshalb sie „froh“ sind das machen zu können, obwohl das wohl der härteste Job an Bord ist. Immer in Bewegung, die schweren Sicherungsstangen an den Containern anbringen… ganz harte, körperliche Arbeit, ein echter Knochenjob. Und trotz diesen harten Bedingungen sind diese Seeleute von den Philippinen und auch Tomás von den Kapverden (als einziger der einfachen Seeleute, der nicht von den Philippinen kommt) immer gut drauf, haben immer ein Lachen im Gesicht und freuen sich über jede Begegnung und jedes Gespräch. Echt beeindruckend. Die Stimmung an Bord ist ganz offensichtlich hervorragend und egal mit wem von den einfachen Seeleuten ich spreche, alle erzählen mir wie toll es auf diesem Schiff ist und wie gerne sie mit Kapitän von Puttkamer fahren.
 


 
Ungefähr 12 Stunden dauert das be- und entladen, viel länger, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich dachte in ein paar Stunden wäre das erledigt. Die Henrike Schepers kann bis zu 800 20-Fuss-Container, bzw. 400 40-Fuss-Container laden, eine ganze Menge, aber überhaupt kein Vergleich zu den 400m-Riesen-Frachtern, die bis zu 18.000 20-Fuss-Container laden können.
 
Bei max 800 Containern, 35 Containern pro Kran und Stunde und zwei Kränen gleichzeitig, dauert das dann halt 12 Stunden bis ein Schiff wie die Henrike Schepers wieder fertig zum Auslaufen ist. Es entscheidet allerdings nicht die Anzahl der Container ob das Schiff voll ist, sondern das maximale Gesamtgewicht. Je nach Gewicht der Container können auch wesentlich weniger Container an Bord, das Schiff aber trotzdem „voll beladen“ sein, weil das Maximalgewicht erreicht ist. Für die Beladung, die Sicherung der Ladung und alles was an Deck passiert, ist der Deckoffizier verantwortlich, der auf einem Bildschirm in seinem Büro jederzeit verfolgen kann welcher Container und wie viel Gewicht wo geladen und verteilt ist.
 


 
Nach einer Weile holt mich Kapitän von Puttkamer wie versprochen zum Rundgang ab und nimmt sich wirklich, wie auch die gesamte Fahrt über, ganz viel Zeit für mich. Erste Station die Brücke, die während das Schiff im Hafen liegt nicht besetzt sein muss. Ich erhalte hier eine kurze Einführung in das Schiff. 12 Mann Besatzung (früher waren es für Schiffe dieser Größe 30 – 40 Mann). Die Offiziere aus Russland und der Ukraine, bis auf den zweiten Offizier der von den Philippinen kommt. Die einfachen Seeleute sind meist von den Philippinen, bis auf Thomás, der von den Kapverdischen Inseln stammt. Alle Besatzungsmitglieder, egal welcher Dienstgrad, haben eine eigene Kajüte, mit eigenem Bad. Welch ein Luxus, wenn man die Zustände auf den sündhaft teuren Kreuzfahrtschiffen bedenkt, wo sich teilweise bis zu vier Personen von der Crew eine Kabine teilen müssen.
 
Außer mir ist heute noch der NAO, Nautical Assistant Offizer, Carsten an Bord gekommen. Er studiert Nautik in Bremen und macht sein drittes Pflichtpraktikum an Bord eines Schiffes. Er wird die letzten drei von insgesamt zwölf Monaten Praktikum an Bord der Henrike Schepers absolvieren, bevor er seine Diplomarbeit schreiben wird um danach für seinen ersten Job als Dritter Offizier auf einem Schiff anzuheuern.
 
Überrascht bin ich, wie selten man Leuten von der Crew begegnet. Man trifft kaum mal jemanden, besonders wenn das Schiff im Hafen liegt und die Brücke nicht besetzt ist. Es ist Schichtbetrieb, was natürlich auch bedeutet, dass min. die Hälfte der Crew gerade Pause hat, schläft oder einfach nur ausruht. Alle ziehen sich dann in ihre Kajüten zurück und sind für sich. Am meisten Mitglieder der Crew sieht man immer beim An- und Ablegen, da dies die Momente sind in denen die meisten gleichzeitig im Einsatz sind. Das An- und Ablegen wird in Rotterdam auch von der Crew gemacht, nicht von einem externen Dienstleister. Es ist zwar zusätzliche Arbeit, hat aber wieder den Vorteil, dass auch dies extra bezahlt wird und die Seeleute sich so ihre Heuer weiter aufbessern können.
 


 
Kapitän von Puttkamer ist ein sogenannter Freifahrer. D. h. Er hat Lotsenpatente für alle Häfen die angelaufen werden. Das spart der Reederei Geld und Zeit, die man sonst auf den Lotsen warten muss und die der Lotse benötigt um an und von Bord zu gehen und dem Kapitän bringt es Extrageld, weil die Reederei ihm einen Teil des Lotsengeldes bezahlt. Kapitän von Puttkamer „teilt“ sich das Schiff mit einem russischen Kapitän. Alle zwei Monate wechseln sich die beiden ab. Auch sein russischer Kollege ist Freifahrer.
 
Die Offiziere sind 4 – 6 Monate an Bord und dann 4 – 6 Monate an Land. Auch der erste Offizier teilt sich den Job mit einem anderen Kollegen, mit dem er sich immer abwechselt. Die einfachen Seeleute sind 9 Monate an Bord, danach dürfen sie nach Hause. Oftmals melden sie sich dann nach drei oder vier Monaten schon und wollen/müssen wieder arbeiten. Wieder 9 Monate. Dazu passt, die SMS, die der Kapitän während einer unserer gemeinsamen Aufenthalte auf der Brücke bekam und die er mir vorlas. In etwas gebrochenem englisch schrieb ein Crewmitglied, der gerade in Urlaub auf den Philippinen war: „Captain, would like to come to work again. Is it possible to be on bord. I Miss you. Thank you.“.
 


 
Von der Brücke geht es in den Maschinenraum, in den ich während der Fahrt noch drei weitere Male gehen werde: Bei voller Fahrt, beim Start der Maschine und nochmal für ca. eine Stunde alleine zum Fotografieren.
 
Jetzt, während das Schiff im Hafen liegt ist die Maschine aus und es läuft nur das Aggregat, welches das Schiff mit Strom versorgt.
Der Motorblock ca. 8 m lang, 4 m hoch und 2 m breit, ein Koloss neben dem man sich ganz klein vorkommt, liefert mit neun Zylindern ca. 12.000 PS.
Der Maschinenraum erstreckt sich über mehrere Ebenen und Etagen. Ein Chief Engineer und ein Mechaniker sind für das Herz des Schiffes verantwortlich. Der gesamte Raum ist so sauber, das man vom Boden essen könnte.

 
Neben der Maschine befindet sich hier unten im Bauch des Schiffes auch die Ruderanlage mit ihren zwei Motoren, die Kläranlage und die Wasseraufbereitungsanlage. Die Henrike Schepers bereitet aus Meerwasser ihr eigenes Trinkwasser zu. Dieses ist so „tot“ und rein, dass die Seeleute für Tee und Kaffee meist Flaschenwasser benutzen, weil da noch Mineral- und Inhaltsstoffe drin sind. Das eigene Abwasser wird geklärt und mit annähernder Trinkwasserqualität ins Meer abgelassen.
 
Auf hoher See dann, bei voller Fahrt spürt man die Kraft und Energie der Maschine sofort wenn man den Maschinenraum betritt. Kein rütteln, kein stottern, kein rumpeln, wie ich es von so einem Koloss erwartet hätte, sondern ein gleichmäßiges fast sanftes Vibrieren, welches man körperlich spüren kann kündet von dieser immensen Kraft die da gerade zugange ist.
 
Als ich später beim Ablegen in Hull zum Start der Maschine mit dem Chief Engineer und dem Bordmechaniker im Maschinenraum bin, überrascht es mich wie sanft und leise dieses riesen Ungetüm startet. Außer wenn die Maschine die „erste Luft“ ansaugt, was ein wenig Lärm macht und einem lauten Röcheln ähnlich ist, hört man fast nichts. Im Leerlauf ist die Maschine fast geräusch- und virbrationsfrei. Irgendwann musste ich dann fragen „läuft die Maschine denn jetzt schon?“, weil es so leise war.

 


 
Zum Schluss des ersten Rundgangs die wichtigste Station: Die Kombüse. Dort zaubert ein ukrainischer Koch wirklich fantastisch gutes Essen. Richtige deftige Hausmannskost wie ich es noch von meiner Oma kenne und davon reichlich. Total lecker und fast ein Wunder, wenn man bedenkt, dass er nur sechs Euro pro Person und Tag zur Verfügung hat. Nach drei Monaten hier an Bord hätte ich sicher ein paar Kilo zugenommen. Carsten der NAO erzählte mir, dass dies längst nicht auf allen Schiffen so ist. Auf einem Kreuzfahrtschiff, wo er zuvor ein Praktikum gemacht hat, gab es echten „Drecksfraß“ für die Crew. Er genießt es sehr, sich keine Gedanken um Einkauf und kochen machen zu müssen. Drei mal am Tag eine warme, leckere Mahlzeit zubereitet zu bekommen ohne dafür etwas tun zu müssen. Ja… das hat was.
 


 
Mit ca. 40 Minuten Verspätung legen wir dann am Samstag gegen 10:40 in Rotterdam ab, weil wir noch auf ein paar Container aus Duisburg warten mussten. Kapitän von Puttkamer steuert die Henrike Schepers über die Außensteuerung, von der sich auf jeder Seite des Schiffes eine Anlage befindet. Vom Außenstand hat man Blick über die Reling direkt auf den Kai und so kann man das Schiff langsam aus der „Parklücke“ heraus in die Fahrrinne steuern. Erst nach dem „Ausparken“ wird das Schiff dann von innen von der Brücke weiter gesteuert.
 


 
Wir müssen um 24:00 Uhr in Hull sein, weil da die letzte Möglichkeit besteht die Schleuse zu passieren, welche den Hafen von Hull von der See, bzw. dem Fluss Ouse trennt. Aber dank der ablandigen Tide haben wir kräftig Schub von hinten und werden das locker schaffen. Während der gesamten dreitägigen Fahrt erklärt mir Kapitän von Puttkamer alle Instrumente, die Tidentabellen, die Seekarten, das Radar. Ich habe in diesen drei Tagen gefühlt mindestens die Hälfte der nautischen Ausbildung absolviert, auch wenn ich vieles nicht verstanden und vieles auch leider schon wieder vergessen habe. Der Kapitän freut sich immer über Passagiere an Bord, weil das für ihn eine Abwechslung bedeutet und das merkt man als Passagier auch. Ich bin sicher, dass nicht alle Kapitäne das so sehen.
 
Nach verlassen des Hafens und des Flusses in Rotterdam durfte ich dann auf hoher See das Schiff mal selber manuell steuern. Normalerweise wird das Schiff über die automatische Steuerung gefahren. Man gibt einfach den Kurs in Grad ein und die Automatik sorgt dafür, dass das Schiff auf dem gewünschten Kurs bleibt. Kapitän von Puttkamer schaltete die Automatik aus und sagte mir ich solle das Schiff von 292 Grad auf den neuen Kurs 311 Grad bringen. Dazu dient ein kleiner Drehknopf, den man nach Backbord, bzw. Steuerbord drehen kann, ähnlich dem Lenkrad eines Autos. Der Kapitän befahl 20 Grad Steuerbord und ich drehte den Knopf 20 Grad nach rechts. Das Schiff reagiert natürlich nicht so direkt wie ein Auto, sondern mit Verzögerung, aber dann doch schneller und stärker als ich es erwartet hatte. Lang bevor die 311 Grad erreicht sind muss man zurück auf Null Grad gehen (quasi das Lenkrad wieder gerade stellen) um dann einige Grad nach Backbord gegensteuern um das Schiff bei 311 Grad abzufangen und einzupendeln. Natürlich gelang mir das gar nicht und ruckzuck war ich 50 Grad zu weit nach Steuerbord, schon über die 360 Grad hinaus statt der angepeilten 311 Grad. Beim Versuch das nun rückwärts zu korrigieren landete ich schnell wieder weit unter 311 Grad, was zur Folge hatte, dass nach ca. drei Minuten das Telefon auf der Brücke klingelte und der Chief Engineer fragte ob es ein Problem mit der Ruderanlage gibt. „Nein, alles ok, der Kapitän ist auch nicht betrunken, der Passagier übt nur gerade Schiff steuern und fährt dabei wilde Schlangenlinien.“
 


 
Gegen 22:30 bin ich wieder auf der Brücke, wir nähern uns langsam der Mündung des Flusses Ouse, welcher die Einfahrt zum Hafen Hull bildet. Auf der Brücke ist alles dunkel nur die Radaranlagen und die Instrumente geben einen leichten Lichtschein ab. Noch blickt man hinaus in dunkle Nacht und das Schiff schaukelt ganz sanft hin und her. Kaum jemand spricht mehr als nötig, nur der Funk unterbricht manchmal die Stille. In diesen Momenten herrscht ein wundervolle, fast meditative Stimmung, die ich sehr angenehm empfinde und total genießen kann und die ich auch heute noch, da ich schon nicht mehr an Bord bin, fast körperlich spüren kann. Wundervolle Momente, für die sich so eine Reise lohnt.
 


 
Bei typisch englischem Schmuddelwetter legt Kapitän von Puttkamer die Henrike Schepers kurz vor 24 Uhr in Hull wieder persönlich, per Handsteuerung ganz cool und entspannt, ohne jedes Anzeichen von Anspannung, zentimetergenau längsseits an die Kaimauer um dann rückwärts in die Schleuse zu fahren. Rückwärts deshalb, weil das Schiff immer gegen die Tide gesteuert werden muss, bei Tide von hinten wäre das Schiff nicht mehr zu kontrollieren. „Ich hasse Stress, deshalb immer schön entspannt bleiben“, ist eine Grundregel vom Kapitän. Und 40 Jahre Erfahrung machen sich da halt bemerkbar. Nach der Schleusung ist dann gegen 1:00 Uhr der Liegeplatz erreicht und die Brücke kann schlafen gehen, während für die Seeleute der Deckbesatzung die Arbeit beginnt.
 


 
In Hull bekommen wir nur sehr wenig Ladung und am nächsten Morgen um 11 Uhr laufen wir wieder aus gen Rotterdam, wo die Ankunft für 3:00 Uhr morgens geplant ist, was für die Brücke bedeutet: Um ca 24:00 Uhr beginnt die Arbeit mit der Annäherung an Rotterdam und der Einfahrt in den Fluss. Eines weiß ich schon jetzt: Schlafen können auf Kommando, zu jeder Tageszeit, auch stundenweise hilft ungemein bei diesem Job
 


 
Ca. 23:00, eine halbe Stunde vor dem Wecker klingeln werde ich wach, weil gerade alles, was nicht befestigt ist, oder auf einer rutschfesten Unterlage steht, durch die Kajüte fliegt. Das Schiff rollt und schaukelt stark. Ich befestige und verstaue alle losen Gegenstände und bleibe gleich auf und gehe auf die Brücke, denn wir nähern uns Rotterdam und die Einfahrt in den Fluß ist nur noch ca. 15 – 20 Meilen voraus. Auf der Brücke ist zu diesem Zeitpunkt noch der Zweite Offizier, der aber wenig später vom Kapitän abgelöst wird. Beim An- und Ablegen muss der Kapitän zwingend mit einem zweiten Offizier auf der Brücke sein, was in diesem Fall der Erste Offizier übernehmen wird.
 
Das Schiff rollt immer noch stark und hier hoch oben auf der Brücke merkt man das natürlich noch viel stärker. Schlecht wird mir nicht, aber ich merke sehr deutlich, dass meine Reaktionen sich verlangsamen und ich im Moment nicht in der Lage wäre Aufgaben zu erledigen die hohe Konzentration erfordern. Mein Körper, bzw. mein Hirn ist zu sehr damit beschäftigt mit dem Schaukeln fertig zu werden und diese völlig chaotischen Impulse irgendwie zu verarbeiten. Also setze ich mich auf einen der beiden Stühle auf der Brücke und schaue in die Nacht gen Horizont. Mit der Annäherung an Küste und der Einfahrt in den Fluss lässt das Schaukeln auch bald nach, mein Hirn bedankt sich und die Konzentrationsfähigkeit und die Lebensgeister sind auch sofort wieder voll da.
 
Alles ist wieder dunkel, wieder beleuchtet nur das Steuerpult und die Radaranlagen leicht die Szenerie, wieder diese wundervolle, ruhige fast meditative Atmosphäre, die ich so genießen kann. In der Ferne tauchen langsam die Lichter von Rotterdam auf und ich komme mit Kapitän von Puttkamer ins Reden. Er erzählt mir, dass er schon als kleiner Junge wusste, dass er zu See fahren möchte. In den 1950er und 60er Jahren arbeitete sein Vater in Venezuela und im Urlaub fuhr die ganze Familie damals mit Frachtschiffen durch die Karibik. Von da an war für ihn klar, dass er Kapitän werden möchte. Heute ist er 65 und möchte auf jeden Fall noch drei Jahre zur See fahren. Alterslimit gibt es keines und solange die regelmäßige ärztliche Untersuchung die Seetauglichkeit bescheinigt kann man auch zur See fahren. Ein Kollege von ihm ist 72 und fährt immer noch. In drei Jahren, mit 68, möchte er aber auch nicht ganz aufhören, sondern evtl. noch hin und wieder eine Vertretung übernehmen um noch weiterhin ab und zu aufs Meer zu kommen. In den 1980er Jahren, als Kapitän von Puttkamer heiratete und eine Familie gründete, hat er die Seefahrt schon einmal für zehn Jahre an den Nagel gehangen und sich an Land selbständig gemacht. Aber er hielt es nicht aus und musste nach zehn Jahren Pause wieder zur See fahren. Für ihn ist es auch heute noch, nach 40 Jahren und trotz all der Veränderungen, das Größte und Tollste „sein Schiff“ zu steuern und über die Meere zu lenken. Dieses Gefühl von Freiheit und Weite und Kontrolle.
 
Da ist sie also, es gibt sie noch: Die Seefahrerromantik! Auch wenn sie nichts mit der Vorstellung von früher zu tun hat, von wegen Sonne, Palmen, türkisblaues Wasser, lange Liegezeiten, viel Zeit in fremden Häfen und in jedem Hafen eine Braut. All das gibt es heute nicht mehr, diese Zeiten sind lange vorbei. Aber es ist ein Virus, eine Sucht, und wer davon befallen ist, kommt wohl nie wieder davon los.  
Selbst bei Carsten, dem NAO, der ja erst zum dritten Mal auf einem Schiff mitfährt und der ja erst neun Monate seines Lebens auf einem Schiff verbracht hat und ganz am Anfang seiner Karriere steht, sieht man das Leuchten in den Augen und die fast kindliche Aufregung, wenn er auf der Brücke steht und Teil des Schiffes ist. Auch er ist wohl schon von diesem Virus und dieser Sucht befallen.
 


 
Wie geplant, gegen 3 Uhr morgens „parkt“ Kapitän von Puttkamer die Henrike Schpers per Hand zum letzten Mal während meines Aufenthalts an Bord zentimetergenau, rückwärts in eine „Parklücke“ zwischen zwei Schiffe am Pier 2750 in RST Rottedam ein und meine Fahrt ist fast beendet. Jetzt ist nochmal Zeit drei Stunden zu schlafen, bevor ich wieder aufstehen muss und mich, nach einem letzten Frühstück an Bord, um 8 Uhr das Taxi wieder abholt und zum Bahnhof bringt.

Wenn man im Norden Chiles durch die Atacama fährt, stößt man immer wieder auf verlassene Siedlungen, Industriebauten und kleine Städte, die mitten in der Wüste dem Verfall preisgegeben sind. Fast alle stammen aus der Zeit des Salpeterbooms, das in der Atacama reichlich vorkommt. Als dann die Chemieindustrie die künstliche Produktion von Salpeter erfand, brach der Markt für Salpeter quasi über Nacht zusammen. Die Städte wurden verlassen und der Zahn der Zeit sorgt für den Rest.

Einzige Ausnahme ist Chacabuco, welches in der Zeit der Pinochet Diktatur nochmal reaktiviert und als Internierungslager für politische Häftlinge genutzt wurde.

Langsam entsteht in Chile aber ein Bewusstsein dafür, dass dies Städte und Ansiedlungen ein Teil der Gerschichte des Landes sind und man beginnt sie teilweise zu erforschen und die Reste für die Nachwelt zu erhalten.