Shalom Tel Aviv
Man sagt, dass Tel Aviv die israelischste Stadt Israels ist. Nicht die jüdischste, das sicher nicht, aber die israelischste!

Shalom Tel Aviv

Zu Tel Aviv kam ich wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. Nie hatte ich bisher die Idee oder das Bedürfnis nach Tel Aviv zu reisen, auch wenn ich schon von vielen Leuten gehört hatte, dass es eine tolle, junge Stadt mit hohem Freizeitwert sein soll.

 
Nun ergab es sich das meine Freundin Andrea einen halb geschäftlichen Termin in Tel Aviv hatte und ich mich einfach einklinkte, einen Flug nach Tel Aviv buchte und einige Tage nach Ihr nach Israel flog. Nicht einen Reiseführer oder Reisebericht hatte ich gelesen und keinen blassen Schimmer, was mich wohl erwarten würde, außer der üblichen Klischees und dem Basiswissen, das man halt so über Israel hat.

 
Mein erster Eindruck auf der schon nächtlichen Fahrt vom Flughafen zu unserer privaten Unterkunft, welche Andrea über AirBnB gebucht hatte (was ich nie machen würde – AirBnB pfui Teufel) war, dass das Verkehrsaufkommen immens hoch ist, wenn auch nun am Abend eher Richtung stadtauswärts, und man die Verkehrsregeln im Großen und Ganzen beachtet, bei den Details aber nicht so kleinlich ist. Mal schnell gegen die Einbahnstraße, weil es sonst zu umständlich ist, mal eben noch bei rot über die Kreuzung, aus zwei mal eben drei Spuren machen, Parken wo immer gerade ein Lücke oder eine freie Stelle ist, alles kein Problem. Auch mit der Geschwindigkeit nahm es mein Taxifahrer nicht so ganz genau. Und dann erst die Fahrradfahrer! Eine Erfahrung die jeder Tel Aviv Besucher reichlich und intensiv erleben und erdulden darf. Ich glaube nirgends ist die E-Bike Dichte so hoch wie in Tel Aviv, auch wenn es vielen wohl gut tun würde ein wenig mehr zu strampeln, als elektrisch zu fahren. Kein Wunder, denn bei dem extremen Verkehr hier in der City bringt ein Auto nicht viel und man ist mit dem Fahrrad definitiv flotter und flexibler unterwegs. Die E-Bikes sind meist eine Art Klappfahrräder, auf denen man aber auch zu dritt fahren kann. Ein zusätzlicher Sitz auf dem Gepäckträger montiert, einer noch vor dem normalen Sitz und schon wird aus dem Klapprad ein Transportmittel für die Familie. Die Bikes haben eine Höchstgeschwindigkeit von 36 km/h und fahren ohne Rücksicht auf Verluste auch genau mit diesen 36 km/h über Fahrradwege, Bürgersteige, Zebrastreifen und auf den Straßen kreuz und quer zwischen den Autos hindurch. Wer als Fußgänger nicht aufpasst, hat halt Pech gehabt. Dabei gibt es angeblich hohe Strafen für Fahren auf dem Bürgersteig, aber es macht nicht den Eindruck als ob diese Strafen jemals verhängt würden. Die Berliner Seele hätte ihre Freude an den Kampfradlern und könnte motzen und zetern. Aber niemand hier regt sich auf, niemand ärgert sich, jeder nimmt das ganz entspannt und quasi als Gott gegeben hin. Eigentlich sehr sympathisch. Die Einzigen, denen man es anscheinend übel nimmt, wenn sie sich nicht ganz strikt an die Regeln halten, sind die Fußgänger. Wir wurden auf jeden Fall mehrfach gerügt, wenn wir bei rot über die Ampel sind, oder die Straßen an Stellen überquert haben, an denen es nicht erlaubt war und Autofahrer sich behindert fühlten.
 
Zur angespannten Verkehrslage in Tel Aviv tragen vor allem die vielen Pendler bei. Tel Aviv selbst ist mit ca. 550.000 Einwohnern nicht sonderlich groß, allerdings leben im Großraum ca. 2 Mio. Menschen und angeblich pendeln jeden Morgen 600.000 Autos nach Tel Aviv rein und abends wieder raus. Da finde ich es schon fast ein Wunder, dass der Verkehr nicht vollends zusammenbricht.
 

 
Unsere AirBnB Unterkunft ist eines der ältesten Häuser im ehemaligen yemenitischen Viertel Tel Avivs Karen Hay Tanim, nur wenige Meter entfernt vom berühmten Carmel Markt.
Unsere Vermieterin Abi ist in den USA geboren, im Alter von sieben Jahren nach Israel gekommen, mit 22 nochmal für fünf Jahre in die USA gegangen um dann wieder nach Israel zurück gekehrt um zu bleiben. Sie wird uns einige Stunden später verlassen. Sie ist selbständig und hat spontan für fünf Tage einen Auftrag in Eilat bekommen. Ihre Wohnung, bzw. das Zimmer, welches nicht wir bewohnen, hat sie für diese Zeit ihrer deutschen Freundin Emma überlassen. Wir werden also mit Emma die Tage verbringen, gehen aber vor Abis Abreise noch zu viert Abendessen, während dem wir eine Einführung in das „Wohnen in Tel Aviv“ erhalten. Emma ist Künstlerin und für drei Monate in Israel und schlägt sich von einer Zwischenmiete zur nächsten durch, weil Wohnungen in Tel Aviv einfach unerschwinglich teuer und auch schwer zu bekommen sind. Zuerst hat Emma ein paar Wochen für ein Paar das verreist war die Wohnung und die Katze gehütet. Dafür hat die Zweizimmerwohnung dann auch „nur“ 1200 Euro im Monat gekostet. Eine 20 qm Wohnung im Zentrum wurde ihr nun für umgerechnet 1250 Euro angeboten, immerhin mit 20 qm Dachterrasse. Die Wohnung von Abi, in der wir eines der beiden Zimmer bewohnen, hat ca. 50 – 60 qm mit einem offenen ca. 20 qm Innenhof. Von einem der Zimmer kommt man nur über diesen Hof ins Bad und Toilette. Den Zustand der Wohnung würde ich beschreiben mit: Endstadium DDR-Zeit, oder 50er Jahre Bundesrepublik, fließend Wasser und Strom vorhanden, Warmwasser schon fast ein Luxus. Dafür hat dieses wundervolle alte Gebäude ganz viel Flair und Geschichte und wir haben uns wirklich sehr wohl und gut aufgehoben gefühlt so mitten im Leben. Für diese Wohnung zahlt Abi 1500 Euro. Sie muss quasi ein Zimmer untervermieten sonst kommt sie nicht über die Runden. Der Durchschnittslohn in Israel beträgt, je nachdem wen man fragt, zwischen 1700 und 2000 Euro. Bei Paaren arbeitet einer für die Miete, das zweite Einkommen ist dann zum Leben. Single sein in Tel Aviv ist also einfach sch…, finanziell gesehen.

Das Haus soll eigentlich schon seit Jahren abgerissen werden und irgendwann wird auch der Tag kommen, an dem es so weit ist und Abi ihr Domizil räumen müssen wird.
 

 
Die allgemeine Vorstellung und das Image über das lockere, leichte, coole Leben in Tel Aviv, stimmen so in jedem Fall nicht. Für einen ganz großen Teil der Menschen ist das Leben nicht cool, hip und leicht, sondern richtig hart (Dazu passt auch die Geschichte von Jamal, die ich am Ende kurz erzähle).
Natürlich gibt es auch das coole, lockere Leben. Es gibt die Glitzerfassade, die tollen Hochhäuser, Luxusapartments, die teuren Lokale und Clubs überall in der Stadt. Natürlich gibt etliche Menschen mit Geld und gutem Einkommen und für die, genau wie für uns als Touristen, ist Tel Aviv eine der coolsten und attraktivsten Städte der Welt.
 
Das Essen mit Abi und Emma im „M25-The Meat Market“ (der Name ist Programm, obwohl wir auch einen fantastischen Salat und eine tolle Pita gegessen haben) war übrigens hervorragend, wie eigentlich die nächsten Tage immer und überall, wenn auch preislich deutlich über dem, was man aus Berlin gewohnt ist.
 
Was am nächsten Morgen beim Spaziergang durch die Stadt als nächstes auffällt: Es wird gebaut als gäbe es kein Morgen. Und, wie in Berlin auch, völlig am Bedarf der normalen Menschen vorbei. Luxusapartments im oberen Preisbereich. Keine Spur von sozialem Wohnungsbau. Wir haben uns dann mal im Vorbeigehen die Aushänge einiger Maklerbüro angesehen. Unter 10.000 pro qm ist in Tel Aviv nichts zu kriegen. An einem der nächsten Abende hörten wir, im Zuge von Andreas halb geschäftlichen Termin, einer Architektenreise, einen Vortrag des „Die Welt“ Korrespondenten und Autors Dr. Gil Yaron. Beim anschließenden Gespräch meinte er, dass 10.000 nicht sonderlich teuer wäre und man dafür nichts besonderes bekommt, sich diese Wohnung evtl. sogar noch in der Vor-Bauphase befindet. Für bestehende, fertige Wohnungen in der City ist man leicht auch mit 20.000 € pro qm dabei.
 

 
Viele dieser Wohnungen und Häuser werden von Auslandsjuden gekauft und stehen 50 Wochen im Jahr leer. In letzter Zeit kamen die Käufer verstärkt aus Frankreich, nachdem sich die antisemitischen Übergriffe dort häuften. Aufgrund der Wohnungsnot sorgte dieser Umstand wohl schon des öfteren für Diskussionen in der Öffentlichkeit und der Politik und es wurde überlegt das Gesetz dahin gehend zu ändern, dass nur noch Leute Wohnungen kaufen dürfen, die diese auch bewohnen. Aber da es eben auch ein Kernanliegen und die Gründungsidee des Staates Israel ist allen Juden dieser Welt eine sichere Heimat zu geben, kann man den Juden aus aller Welt dann schlecht verbieten eine Wohnung in Israel zu kaufen, auch wenn sie die gar nicht nutzen.
 

 
Tel Aviv macht den sympathischen Eindruck einer unfertigen, im Wandel begriffenen Stadt. Es gibt viele Schmuddelecken und verrottete Häuser, die direkt neben und mitten unter Luxusbauten stehen. Es erinnert mich ein wenig an Berlin nach der Wende. Ich finde das ja total ansprechend und sympathisch, weil die Stadt dadurch nicht so gestylt, glatt gebügelt und geleckt wirkt, wie inzwischen ganz viele Städte dieser Welt, auch Berlin. Allerdings wird das wohl nicht mehr lange so sein. Der Bauboom wird all das in den nächsten Jahren hinwegfegen und einheitlich hübsch, hip und noch teurer machen.
 

 
Denkmalschutz ist dabei ein Begriff, der keinen sonderlich hohen Stellenwert hat. Anfang bis Mitte der 2000er Jahre haben einige Architekten und Stadtplaner begonnen sich zu organisieren um so viel wie möglich von den alten, teilweise architektonisch sehr interessanten Häusern und Vierteln zu erhalten. Teile Tel Avivs sind inzwischen Weltkulturerbe und es gibt die sogenannte Weiße Stadt, die auch Hauptziel der Architektenreise von Andrea war, welche ich begleitete. In der Weißen Stadt, die eigentlich gar nicht weiß, sondern auf Grund des hiesigen dunkleren Sandes leicht beige ist, stehen mehr Häuser im Stil des Bauhaus als in Weimar oder Dessau, wo der Stil herkommt. Erbaut in 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Auswanderern aus Europa, war dieser klare, sachliche Baustil politisch und gesellschaftlich gewollt um sich von dem orientalischen Baustil der Araber und Palästinenser abzuheben und etwas Neues zu schaffen. Genau genommen handelt es sich jedoch nicht um Bauhaus. Zum einen darf sich nur Bauhaus nennen was von einem Architekten gebaut wurde, der an der Bauhaus-Uni studiert hat, zum anderen hat man auf Grund des Klimas einige Anpassungen und Änderungen zum Original vorgenommen. So wurden z. B. Fenster verkleinert um die Hitze draußen zu halten und Balkone mit Schlitzen versehen durch die der Wind eindringen und für Abkühlung sorgen kann. Deshalb reden die Denkmalschützer und Architekten, die hier an der Restaurierung und dem Erhalt der Gebäude arbeiten auch nicht von Bauhaus, sondern vom internationalen oder auch modernen Stil. Für mich als architektonischen Laien ist es aber schlicht und einfach: Bauhaus.
 

 
Tel Aviv gilt als die israelischste Stadt Israels. Nicht die jüdischste, das sicher nicht, aber die israeilschste. Sie definiert sich selbst als weltoffen, liberal, freundlich. Jeder darf und soll nach seiner Facon glücklich werden. Tel Aviv ist ein Schmelztiegel von Menschen aus aller Welt. Juden aus Europa, Amerika, Afrika, Asien mischen sich hier mit Arabern. Es gibt auch eine große gay community, was für uns in Deutschland nichts besonderes sein mag, aber in einem religiösen Land mit einer starken jüdisch-orthodoxen Gemeinde, umringt von islamischen, eher wenig liberalen Ländern kann man das wohl als eine Art Oase bezeichnen. Nicht umsonst ist Tel Aviv das Hauptfeindbild in Israel für islamische Terroristen. In diesem Zusammenhang hat mich sehr überrascht, dass im gesamten Stadtbild keine Soldaten und keine schwer bewaffneten Polizisten zu sehen sind. Ich hatte auf Grund der Gefährdungslage in Israel und Tel Aviv erwartet an jeder Ecke und Kreuzung Militär und Polizei mit schwerem Gerät zu sehen. Aber nichts dergleichen. Ich bin sicher inzwischen laufen an der Strandpromenade von Nizza und auf (Weihnachts-)Märkten in Berlin mehr schwer bewaffnete Polizisten Patrouille als in Tel Aviv. Nichts desto Trotz bin ich aber auch sicher, dass die Stadt ziemlich gut überwacht wird, nur das diese Überwachung wohl viel subtiler stattfindet um die Menschen nicht ständig mit der Gefahr zu konfrontieren und in Angst zu versetzen. Vermutlich wird die Zahl der Kameras und der zivilen Polizisten sehr hoch sein. Auf jeden Fall hat man nie das Gefühl von Überwachung, Kontrolle, Gefahr, o. ä.. Man bewegt sich genauso frei und unbefangen, wie in jeder europäischen Stadt.
Eine kleiner, ich will fast sagen „Gag am Rande“ ist dann noch der Umstand, dass am Flughafen Ben Gurion von Tel Aviv, einem der am meisten gefährdeten und sichersten Flughäfen der Welt Flüssigkeiten an Bord kein Problem sind. Jeder darf Getränke und Wasserflaschen mit durch die Sicherheitskontrolle und an Bord nehmen. Nichts muss umgefüllt und einzeln in Plastiktüten verpackt werden, auch den Laptop muss man nicht auspacken, sondern einfach in der Tasche/Rucksack durchs Durchleuchtungsgerät laufen lassen. Da frage ich mich dann schon, warum das bei uns anders ist.

 
Da Andrea ja schon einige Tage vor mir in Tel Aviv war, hat sie für sich auch schon einige Anlaufpunkte etabliert. So z. B. das kleine Café Place du Café in dem Wohngebiet Florentin. Dort treffen sich jeden Morgen im Prinzip immer die selben Leute, die auf dem Weg zur Arbeit noch einen Kaffee trinken oder frühstücken. Und schon am zweiten Tag kannte man einige vom Sehen und kam mit ihnen ins Gespräch. Die Israelis allgemein und besonders die jüngeren sind extrem aufgeschlossen, interessiert und freundlich. Man kommt ganz leicht in Kontakt. Besonders gegenüber Deutschland ist die Einstellung extrem positiv, ja man kann fast sagen es gibt einen Deutschlandhype in Israel, was schon sehr erstaunlich ist, bedenkt man die Geschichte. Gefühlt hat jeder Israeli jemanden im Verwandten- und Freundeskreis, der gerade in Deutschland, vor allem in Berlin, lebt. Die Israelis lieben Berlin, weil das Leben dort billiger, freier, leichter und (man höre und Staune) auch freundlicher ist als in Israel.
 

 
Ich kann gut nachvollziehen, dass das Leben in dieser extrem dicht besiedelten Stadt, mit dem ständigen Verkehrschaos und den exorbitant hohen Preisen und dem für Normalverdiender harten Alltag auf Dauer latent aggressiv machen und die Laune verderben kann. Neben den vielen freundlichen, aufgeschlossen Menschen passiert es immer wieder, dass man auf der Straße angeraunzt und angerempelt wird,weil man halt gerade doof im Weg rumsteht, oder eine doofe Frage stellt.
 
Erwähnens- und liebenswert ist der trockene, spontane israelische Humor, der sich nicht immer sofort erschließt, weil er manchmal etwas brüsk daherkommt. Auf meinen Wunsch nach einem Kaffee zum Mitnehmen z. B. kam in leichtem Befehlston die Antwort: „Wieso, wohin?“ In einem Geschäft beobachtete ich jemanden, der etwas in die Hand nahm um es zu betrachten und er bekam sofort die Ansage: „You touch it, you buy it“, die aber nur spaßig gemeint war. Leider kann ich mich an viele dieser Erlebnisse, über die wir herzlich gelacht haben nicht mehr erinnern. Erinnern kann ich mich aber noch an eine Geschichte, die ich Berlin mit Gästen von mir aus Tel Aviv vor einigen Jahren erlebt hatte. Es war zu der Zeit, als Israel eine Hilfsflotte, die von der Türkei aus Güter nach Gaza bringen wollte auf See aufgebracht hatte und die Besatzung und Helfer festgenommen hatte (ich glaube es gab dabei auch Tote). Meine Gäste schwärmten mir von Tel Aviv vor und das ich doch unbedingt mal kommen müsste, da Tel Aviv ein einfach eine so tolle Stadt wäre. Nach eine kurzen Pause fügte einer dann noch an: „But… don´t come by boat“.

 
Auf Empfehlung von Emma besichtigten wir den „Weißen Elefanten“ von Tel Aviv. Weiße Elefanten nennt man überdimensionierte Gebäude, die am Bedarf vorbei gebaut wurden und irgendwann leer stehen und vergammeln. Eines der bekanntesten Beispiele für „Weiße Elefanten“ sind die Stadien der Fußball WM 2010 in Südafrika, aber auch einige der Olympiabauten in Athen. Die stehen heute alle leer und gammeln vor sich hin. 
Der Weiße Elefant von Tel Aviv ist der neue Busbahnhof, im Volksmund auch „The Beast“ genannt.
Dieser Busterminal wurde über 30 Jahre lang geplant und gebaut, dabei von Skandalen, Affären und Korruptionsvorwürfen begleitet bis er endlich 1993 eröffnet wurde. Ursprünglich sollte es der größte Busbahnhof der Welt werden mit einem gigantischen integrierten Shoppingcenter. Als er endlich fertig war, war es nur noch der zweitgrößte, denn inzwischen ist in New Dehli ein noch größerer entstanden. Sieben Etagen hoch, drei unter der Erde vier über der Erde, ausgelegt für 1 Mio. Passagiere am Tag, vollgestopft mit Geschäften und Ladenlokalen ist The Beast eine Stadt in der Stadt. In seinen besten Zeiten fertigte der Bahnhof 100.000 Passagiere ab, aktuell sind es gerade noch 80.000. Völlig überdimensioniert war der Bahnhof damit von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die viel zu vielen Geschäfte für viel zu wenige Passagiere konnten sich nicht halten, gingen pleite und schlossen schnell wieder.
Aufgrund von Fehlplanungen war die Belüftung der unterirdischen Etagen so schlecht das es schon nach kurzer Zeit begann so stark zu stinken, dass die Busgesellschaften sich weigerten weiterhin von dort Abzufahren. So wurde der siebte Stock ausgebaut und die lokalen Busse, die bis dahin in den drei Kelleretagen abfuhren nun zusammen mit den Fernbussen ganz oben auf dem Dach im in der siebten Etage abfahren. Die Kelleretagen mit allen Läden und einem Kino wurden komplett geschlossen und stehen seitdem leer. Nur der Atomschutzbunker ganz unten im Keller steht für Notfälle weiter zur Verfügung.
Man betritt den Bahnhof in der vierten Etage, die das Erdgeschoss ist, denn die Etagen eins bis drei sind ja im Keller. Eine fast unwirkliche Atmosphäre empfängt einen, wenn man die obligatorische Sicherheitsschleuse passiert hat. Viele menschenleere Gänge mit geschlossenen Geschäften. Unübersichtliche, verwinkelte Gänge (das war so gewollt, denn die Reisenden sollten sich möglichst lange im Shoppingcenter aufhalten und Geld ausgeben), die aber immer wieder auf zentralen Plätzen zusammenlaufen. Eine Mischung aus Gruseln, Staunen, Wundern, Neugierde begleitetet uns die gesamte Zeit im Beast.
Durch den großen Leerstand prägen billige Geschäfte, Ramschläden und Imbisse das Bild. Etabliert hat sich eine Art philippinische Gemeinde, die hier in Geschäften alle Dinge anbietet, die Philippinos aus der Heimat kennen. So ist The Beast quasi zu einem Stück Philippinen in Tel Aviv geworden.
Auf dem Deck sieben, wo die Busse abfahren durften sich Künstler verewigen. Alle Wände sind mit Gemälden und Graffiti bemalt und in einem leeren Ladenlokal stoßen wir auf eine ganz tolle Kunstinstallation mit dem passenden Titel „Our Lives Had Become Unmanageable“. Was wir nicht gefunden haben ist die private Sammlung jiddischer Literatur. Ein Privatmann hat dort inzwischen 50.000 Exemplare jiddischer Literatur zusammengetragen.
Es leben auch Menschen hier im Biest, obwohl das natürlich nicht erlaubt ist. Aber an einem Ort, der 24 Stunden am Tag geöffnet hat und so verwinkelt und unübersichtlich ist, ist das wohl schwer zu verhindern.
Es wurde natürlich schon darüber nachgedacht dieses Monstrum wieder abzureißen. Aber zum zum einen würde das die benachbarten Stadtteile für Wochen in eine Staubwolke hüllen und zum anderen sind die Eigentumsverhältnisse des Gebäudes anscheinend so unübersichtlich und verstrickt, dass sich kein Mensch traut dieses schwierige, heiße Eisen anzugehen. Und so bleibt The Beast wohl noch lange der Weiße Elefant Tel Avivs.
Einmal im Monat gibt es Führungen durch den Terminal bei der man auch in die geschlossenen Kellergeschoße kommt. Das ist dann wohl ein „Must do“ für eine andere Reise nach Tel Aviv.
 

 

Architektonisch und kulturell hat Tel Aviv einige interessante und spannende Bauten und Museen, wie z. B. das Design Museum Holon und das Tel Aviv Museum of Art.

 

 
Zum guten Schluss noch die weiter oben angekündigte kurze Geschichte von unserem Treffen mit Jamal, der auf Einladung von Emma zum Abendessen zu Gast war.
Jamal ist 66 Jahre alt, Israeli mit marokkanischen Wurzeln, hat zwei Kinder groß gezogen, die aber mittlerweile im Ausland leben. Jamal war vom 58. bis 60. Lebensjahr obdachlos und hat auf der Straße gelebt. Ein wenig traurig, trotzig und resigniert erzählt er uns, dass er für sein Land Israel in zwei Kriegen gekämpft hat, aber keinerlei soziale Absicherung hat. Er versteht nicht, wieso er als jemand, der sein Leben für Israel riskiert hat, so lange auf der Straße leben musste, weil er sich das Leben in Tel Aviv nicht mehr leisten konnte und kein soziales Netz in auffängt. Heute hat er wieder ein Dach über den Kopf und muss wenigstens nicht mehr auf der Straße schlafen. Aber ein wenig wirkt er auf uns wie ein gebrochener Mensch.

 

Kurzbesuch in Jerusalem >>>

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