Alltag im Gefängnis

Die Langeweile in der Zelle war nervenaufreibend, der Tagesablauf immer gleich. Hinausschauen war ja nicht möglich, da die Fenster nur aus Glasbausteinen bestanden. Die Tageszeit konnte nur am Essen ausgemacht werden. Das kam pünktlich um 8, 12 und 18 Uhr und war jeden Tag dasselbe. Kaffee und Tee, welcher ganz bitter schmeckte, weil ihm angeblich Medikamente zum Unterdrücken des Sexualtriebes beigemischt waren. Morgens und abends Weißbrot, dazu Margarine, Blutwurst und Salami. Bis heute isst Mario keine Blutwurst und Salami mehr. Mittags völlig zerkochte, zur Abwechslung halb gare Kartoffeln, dazu braune, geschmacklose Soße. Wenn es Fleisch gab, dann völlig durchwachsenes, fettiges. Diese schlechte, einseitige, fette und kohlenhydratreiche Ernährung, kombiniert mit der mangelnden Bewegung führte in kurzer Zeit zur Gewichtszunahme. Richtig gutes Essen bekam man, wenn man Aussagen gemacht und Andere verraten hatte. Dann durfte man sich sogar ein Gericht wünschen.

Das schlimmste aber war, dass die Zeit nicht verging, gerade in den ersten Tagen und Wochen war das sehr schwer zu ertragen. Gefangene hatten keinerlei Kontakte. Nicht zu Mitgefangenen, nicht zu Freunden, Familie oder Anwälten. Es gab keine Bücher, keine Zeitschriften, kein Radio, kein Fernsehen. Dazu immer die Sorgen um die Familie draußen. Sind die Eltern noch frei oder auch verhaftet? Was ist mit meiner Schwester? Um nicht verrückt zu werden, rezitierte Mario Gedichte aus der Schulzeit, löste Rechenaufgaben im Kopf und maß die Zelle immer wieder mit Schritten aus. Am Ende war er dann sogar froh, wenn er zum Verhör abgeholt wurde, denn da sprach endlich wieder jemand mit ihm. Genau das war aber so gewollt und Teil des Plans.

Irgendwann nach ca. fünf Wochen war Mario völlig am Ende, drehte fast durch und verlangte nach etwas zu Lesen. Dir Reaktion des Vernehmers verschlug Mario die Sprache. „Natürlich bekommen Sie was zu lesen, kein Problem, wir sind ja keine Unmenschen“. Und tatsächlich bekam Mario Bücher. Aber nicht das, was er erwartet hatte. Mario rechnete nun mit Marx, Engels, Lenin, oder Ähnlichem. Das hätte er ja auch gelesen. Völlig egal, Hauptsache etwas zu lesen. Aber hier bekam Jeder, was er verdiente. Und als Republikflüchtling bekam Mario Bücher über Orte, die er niemals sehen würde: Reiseführer… Orte, die man niemals sehen würde!