Eine Reise in die deutsche Provinz

Berlin, die Hipstermetropole. Kreativ, sexy, lebendig, der Nabel Deutschlands… So zumindest die allgemeine Wahrnehmung und Deutung. Ich persönlich finde Berlin schon eine Weile nicht mehr sexy. Eher finde ich das Berlin immer langweiliger, angepasster, austauschbarer, uniformer wird, genau wie viele andere Metropolen auch. Die Kreativität der Endjahre der 1990er und der ersten 2000er Jahre, die Nischen für Menschen die anders sind; alles irgendwie dahin. Sobald eine Stadt als hip und „the place to be“ ausgerufen und gefeiert wird und die Massen hinströmen, hat der Niedergang wohl begonnen. Berlin verzeichnet angeblich ca. 50.000 Zuzügler pro Jahr, von denen augenscheinlich viele glauben sie wären cool und hip nur allein deshalb weil sie jetzt in Berlin wohnen.
Dazu Gezocke mit Grundstücken und Wohnraum, Gentrifizierung und totale Veränderung ganzer Kieze. Wie schon oben geschrieben: Sexy finde ich all das nicht.

Vor einiger Zeit in meinem Stammcafé am Stuttgarter Platz lauschte ich einem Gespräch, welches für mich irgendwie symptomatisch für die Veränderung Berlins ist. Am Nebentisch unterhielten sich zwei Latte Machiato trinkende Mütter mit Luxuskinderwägen, deren Akzent sie eindeutig als Zugezogene auswies (dabei bin ich ja selbst auch nur Zuzügler und kein Urberliner. 1997, als Berlin nur arm und noch nicht sexy war bin ich damals aus Italien nach Berlin gezogen) und ich wusste: Die Hipster, bzw. die, die sich dafür halten, sind auch in meinem Kiez angekommen. Mutti A sagt zu Mutti B über den Stuttgarter Platz, der früher mal ein ruchbarer Ort mit Table Dance Bars und Stundenhotels war: „Jetzt, wo diese ganzen schäbigen Lokale weg sind und die Gegend sicher ist, kann man hier ja mit Kindern wohnen“. Ich bin am Nebentisch fast vom Stuhl gefallen und hätte am liebsten erbost geantwortet: „Jetzt wo so Langweiler wie Ihr hier herziehen, wird es so piefig, dass man vor Langeweile bald umkommt.“ Ich fand die Etablissements nicht schlimm, ganz im Gegenteil sie gaben der Gegend einen ganz eigenen Flair, eine Mischung aus leicht verrucht und ein wenig schmuddelig, auf jeden Fall nicht langweilig, geleckt und von allen Ecken und Kanten befreit, aber total lebenswert. Wenn man hier wohnte und regelmäßig vorbeikam, kannte man nach einer Weile die Mädels, die zum Rauchen auf dem Bürgersteig standen, die Türsteher die vor den Eingängen wachten, man grüßte sich und führte auch hin und wieder mal einen kleinen Plausch. Gefährlich war das nicht, nur vielleicht nicht ganz so clean wie die Muttis aus der Provinz sich das vorstellen und kennen. Ich hätte lieber die Prostituierten mit all ihren Begleiterscheinungen zurück, als diese langweiligen Muttis die nun in Scharen hier einfallen.

Also antizyklisch handeln, denke ich mir. Weg aus Berlin, ab in die Provinz. Da will keiner leben, die Leute fliehen in die Städte, Häuser stehen leer und es gibt Raum und Luft zum Atmen. Alles vielleicht nicht so hip, aber dafür vielleicht authentisch. Also habe ich mir etliche Immobilien in der deutschen Provinz, in Gegenden in denen es Tourismus gibt angeschaut, vorzugsweise Hotel- und Gästehäuser, denn aus der Branche komme ich, da kenne ich mich aus und das will ich auch gerne weiter machen. Zum Preis einer Zweizimmerwohnung im Zentrum Berlins bekommt man in der Provinz Häuser mit 400 qm Wohnfläche und 2000 qm Grundstück. Also fuhr ich im Mai und Juni 2018 durch die deutschen Lande um mir mehrere dieser Objekte anzusehen.

Ich entdeckte pittoreske Städtchen und Dörfer mit vielen wunderschönen alten Häusern, fantastisch mit viel Geld und Liebe restauriert, teilweise nur weniger als 100 km von der nächsten Metropole entfernt. Manchmal hatte ich fast den Eindruck in einem Museumsdorf zu sein, so schön waren die Orte. Biegt man dann aber nur wenige Schritte von der Hauptstraße ab, oder begibt sich in die unbekannteren, noch kleineren Städtchen, die keinen historischen Stadtkern haben, findet man das, wovon man als Städter immer nur in der Presse liest und im Fernsehen sieht und hört:
Trostlose Fußgängerzonen und Hauptstraßen, ganz viel Leerstand und dem Verfall preis gegebene Häuser. Oft wird noch versucht mit Gardinen, oder Pseudo-Schaufensterdeko den Leerstand zu kaschieren, aber das gelingt nicht wirklich. In den Einkaufsstraßen und den Fußgängerzonen dominieren Spielotheken, Billigläden, Eiscafés (die Eiscafédichte ist definitiv viel höher als in Berlin, warum auch immer). Nur eine Straßenecke abseits der Ortszentren und Fußgängerzonen beginnt der Leerstand rapide zuzunehmen. Selbst mitten am Tag nur wenige Menschen auf der Straße und ich frage mich manchmal: Lebt hier eigentlich noch jemand? Von den Menschen denen ich begegne sind viele überdurchschnittlich stark übergewichtig, schlecht und geschmacklos gekleidet, wie man das in Berlin nur aus bestimmten „Problembezirken“ kennt. Das Problem der Landflucht wird hier ganz, ganz deutlich. Die gut gebildeten mit beruflichen Chancen und Willen zur Veränderung ziehen in die Städte, wo es gute Jobs und Perspektiven gibt, die, denen diese Möglichkeit verbaut ist bleiben zurück. Es ist teilweise trostlos und erschreckend. Von den „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ die sich der deutsche Staat eigentlich verpflichtet hat zu gewährleisten ist hier nichts zu spüren und zu sehen. Das ist weit entfernt von „gleichwertig“.

Sicher ist auch: Es wird nicht ohne Konsequenzen bleiben, wenn sich immer mehr Menschen in ländlichen Regionen abgehängt fühlen, soziale Gefüge sich auflösen und ganze Gesellschaftsschichten, Regionen und Städte wirtschaftlich und sozial ins Rutschen geraten. Teilweise kann man diese Konsequenzen schon an den Wahlergebnissen sehen, man muss nur schauen wo die AFD ihre stärksten Ergebnisse hat.

Will ich in der deutschen Provinz leben? Ich weiß es nicht! Will ich weiter in Berlin leben? Auch das weiß ich nicht. Es fühlt sich ein wenig an, wie das eine Übel gegen das andere einzutauschen.

Alle Fotos sind an normalen Arbeitstagen zwischen 10 und 19 Uhr aufgenommen.

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