Georgi

Georgi

Georgi

Georgi lebt unter einer Brücke in Charlottenburg. Er ist ein leiser, freundlicher Mensch, der mit allen Passanten Blickkontakt aufnimmt und sie freundlich grüßt. Eines Tages sprach ich ihn an und fragte, ob ich ihn für mein Projekt fotografieren und interviewen dürfte. Er willigte sofort ein und so kam ich zwei Tage später wieder zum ersten Foto- und Interviewtermin.
Georgi spricht nur schlecht deutsch, aber man kann sich mit ihm, unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen, verständigen.

Georgi ist 50, verließ seine Heimatstadt Stara Sagora in Bulgarien vor zwei Jahren. Seine Mutter starb vor vier Jahren, seit dem hat er keinerlei Verwandte und Familie mehr in Bulgarien. So brach er nach Deutschland auf, in der Hoffnung, hier einen Job und ein besseres Leben als in Bulgarien zu finden, wie wohl viele seiner Landsleute die hier sind. Die Situation in Bulgarien ist schlecht. Es gibt kaum Arbeit und ein soziales Netz gibt es auch nicht.
Anfangs fand er auch drei Mal einen Job. Immer schwarz, ohne Vertrag und Geld bekam er für seine geleistete Arbeit auch nicht immer. Keine Arbeit, kein Geld, keine Wohnung, keine Perspektive. In den zwei Jahren in Deutschland hat er nie in einer festen Unterkunft gewohnt. Immer nur auf der Straße, an unterschiedlichen Plätzen. Hin und wieder trinkt er auch Alkohol, wie er sagt, und ja, als ich mit ihm sprach hatte er ein leichte Alkoholfahne.

Letztes Jahr (2015) im Oktober stahl man ihm nachts seinen Ausweis, sein Handy und sein gesamtes Geld, 6 Euro. Seit Dezember versucht er nun über das Konsulat neue Ausweispapiere zu bekommen, wird aber von Monat zu Monat vertröstet. Jetzt soll er im April neue Papiere erhalten. Sobald er diese hat will er zurück nach Bulgarien. Das Leben ohne große Perspektive, mit schlecht bezahlter Arbeit in Bulgarien erscheint ihm auf jeden Fall besser, als weiter auf der Straße in Deutschland dahin zu vegetieren. Zumindest kann er die Sprache, kann wieder mit seiner Umgebung kommunizieren und hoffentlich auch wieder arbeiten, auch wenn das Geld, das er in Bulgarien verdienen wird, wohl genauso wenig zum Leben reichen wird, wie das, was er sich hier erbettelt und durch Flaschen sammeln verdient. Georgi liegt dem Deutschen Sozialstaat nicht auf der Tasche, um (zumindest in diesem Fall) mal mit den gängigen Klischees und Vorurteilen über die Bulgaren und Rumänen aufzuräumen, die ja angeblich nur hierher kommen, weil man so leicht Geld vom Staat bekommt. Georgi bekommt nichts.

Er meint, dass er keinen Anspruch auf Sozialhilfe hat, weil Bulgarien Mitglied der EU ist. Wäre er aus einem Nicht-EU Land würde er in Deutschland Sozialhilfe bekommen. Sicher ist er sich aber nicht. Da sein Deutsch sehr schlecht ist, kann er sich nicht erkundigen, kann nicht bei den Behörden vorsprechen, fühlt sich deshalb, so erscheint es mir, sehr hilflos. Auch von kostenlosen Angeboten für Obdachlose, wie z. B. der Bahnhofsmission hat er noch nichts gehört. Im Laufe unserer Unterhaltung konnte ich seine Verzweiflung und Hilflosigkeit immer mehr spüren, je länger wir zusammen waren.
Sein Leben bestreitet er mit Geschenken und Spenden von Passanten und durch Flaschen sammeln. Er hat auch keinen Campingkocher o. ä. und so besteht seine Nahrung aus kalten Speisen, wie z. B. kaltem Eintopf aus Dosen, die er sich um die Ecke beim Discounter holt, kalten Getränken und auch kaltem, löslichen Kaffee. Keine schöne Vorstellung, finde ich.

Im Vergleich zu etlichen anderen Obdachlosen, die ich ja inzwischen kennen gelernt habe, geht mir das Schicksal von Georgi doch sehr nah. Die Obdachlosen an der Bahnhofsmission haben ein gewisses soziales Netz, egal wie rudimentär und notdürftig es sein möge. Georgi ist völlig alleine und auch hilflos. Fast wie ein Kind.

Im April 2016 wurde Georgis Schlafplatz unter der Brücke vom Ordnungsamt Charlottenburg geräumt. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen und habe keine Ahnung was aus ihm geworden ist.