Wärter und Widerstand

Die Wärter hatten absolutes Sprechverbot. Im Rückblick kann sich Mario auch an keinen einzigen Wärter mehr erinnern. Die waren für ihn wie Roboter. Nicht schlimm, aber auch nicht nett, gaben immer nur kurze Befehle und Kommandos, mehr nicht. Wenn er mal versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, bekam er keine Antwort. War doch mal einer darunter, der menschlich und freundlich war und es kam heraus, wurde er augenblicklich ausgewechselt. Auch die Wärter hatten Wärter. Wenn es doch mal Freundlichkeiten gab, war das immer nur Teil eines Plans und diente irgendwie dem Zweck, den Gefangenen zum Reden zu bringen und zu brechen.
Körperlich misshandelt wurden die Häftlinge nie, das war den Wärtern absolut verboten. Die Qual und Folter fand ausschließlich psychisch statt. Mario ist auf Grund seiner Zeit in der Haftanstalt Hohenschönhausen offiziell als Folteropfer anerkannt und leidet noch heute unter den Folgen.

Die DDR war in den 80er Jahren komplett pleite und der Verkauf von politischen Häftlingen an die Bundesrepublik hatte sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt (der Preis eines Häftlings betrug in den 80er Jahren ca. 90.000 bis 120.000 DM). Aus diesem Grund war die körperliche Folter verboten. Kein Häftling durfte nach seiner Entlassung und/oder Abschiebung in die Bundesrepublik Deutschland körperliche Male von Folter oder Misshandlung aufweisen. Mit dem Gummiknüppel geschlagen wurden Häftlinge nur, wenn sie von sich aus übergriffig wurden oder gegen die Regeln verstießen.

Mario war 19 Jahre, kam aus einem behüteten Elternhaus und war natürlich auf so eine Situation von Gewalt und Repression überhaupt nicht vorbereitet. Dementsprechend war er sehr eingeschüchtert und verängstigt. Wie die meisten anderen Häftlinge leistete er kaum Widerstand. Nur einmal, als er total wütend und frustriert war, stieg er in seiner Zelle auf die Pritsche und begann ganz laut „Ich war noch niemals in New York“ zu singen. Die normalen Wärter hatten keine Zellenschlüssel. Nur ein  „Oberwärter“ pro Trakt hatte die Schlüssel zu den Zellen. So dauerte es einige Minuten, in denen er laut weiter singen konnte, bis der Schlüssel da war, die Wärter in die Zelle stürmten, ihn von der Pritsche zogen und mit Gummiknüppeln verprügelten. Als die Wärter mit ihm fertig waren und wieder gingen, fing ein anderer Häftling ebenfalls laut an, das selbe Lied zu singen. Solche kleinen Vorkommnisse und Widerstände waren aber die große Ausnahme.