Im Westen

Mario lebte sich im Westen ein und versuchte, die Geschehnisse aus seinem früheren Leben zu vergessen.
Dann kam der 9. November 1989, die Mauer fiel. Für Mario war das, wie für viele andere Flüchtlinge und Freigekaufte aus der DDR, kein reiner Freudentag. Die Mauer trennte ihn ja nicht nur von seiner Familie und seinen Freunden, sondern schützte ihn auch. Schützte ihn vor diesem „Pack“, das ihn gefoltert und erniedrigt hatte, die Täter von damals, die ihn eingesperrt und zum Kriminellen gemacht hatten. Mit denen musste er nun wieder zusammen in einem Land, in einer Stadt leben. Ein unerträglicher Gedanke, nicht nur für Mario, sondern für viele ehemalige Opfer der SED Diktatur.

Nach der Wiedervereinigung erfüllte sich Mario deshalb endlich einen Traum und flog mit einem dieser Flugzeuge, welche er aus dem Käfig oft beobachtet hatte, in die USA. Möglichst weit weg von Deutschland und den Tätern, denen er nicht begegnen wollte.

1996 kam Marion nach Berlin zurück, nachdem er keine permanente Aufenthaltsgenehmigung für die USA bekommen hatte. Er fand eine Anstellung im KaDeWe, die im viel Spaß und Freude machte und hatte eine Perspektive als Abteilungsleiter. Er arbeitete gerade in der Zigarrenabteilung, als 1999 ein Vorfall sein Leben erneut komplett änderte.

Völlig unverhofft und unerwartet stand plötzlich ein Mann vor ihm. Braun gebrannt, im Maßanzug, gut riechend und kaufte für 1500 DM Zigarren, in dem Mario den Stasioffizier wieder erkannte, der ihn 10 Jahren zuvor wochenlang vernommen und gepeinigt hatte. Die Vergangenheit hatte ihn mit einem Schlag eingeholt.

Mario nahm allen Mut zusammen und sprach den Mann beim Gehen an: „Entschuldigung, wir kennen uns. 1987 Stasigefängnis Hohenschönhausen. Sie waren da mein Vernehmer.“ Die Reaktion war ein eiskaltes und desinteressiertes: „Na und?“.

„Ich war damals 19 Jahre, wollte aus Liebe in den Westen und Sie haben aus mir einen Staatsfeind gemacht und wollten mich für 8 Jahre in Gefängnis schicken. Sie müssen mir ja nicht um den Hals fallen, aber ein Händedruck und ein „tut mir Leid“ wären ja vielleicht angebracht“.

Die Reaktion fiel allerdings ganz anders aus. Der ehemalige Stasioffizier begann ihn anzuschreien, was ihm denn einfallen würde, ob er nicht verstanden hätte, dass er damals zu Recht im Gefängnis saß, denn nach den Gesetzen der DDR war er schuldig. Es gäbe also keinen Grund sich zu entschuldigen und Reue sei etwas für kleine Kinder.

Mario war nach diesem Vorfall völlig aufgewühlt. Alle Pein und Qual von damals kam wieder in ihm hoch und sein Leben begann auseinanderzubrechen. Das Leid und die Verzweiflung wurden so groß, dass Mario einige Wochen nach dieser Begegnung versuchte sich das Leben zu nehmen.  Ein Freund fand ihn rechtzeitig und brachte ihn ins Krankenhaus, wo er gerettet wurde.

Als der Chefarzt über Marios Eltern von seiner Geschichte erfuhr, kam er mit einem Flyer der Gedenkstätte Hohenschönhausen zu ihm ans Bett und sagte: „Wenn Sie sich jetzt umbringen, hat die Stasi erreicht, was sie wollte“. Er gab ihm den Flyer mit dem Rat, in das ehemalige Stasigefängnis Hohenschönhausen zu gehen, wo ehemalige Häftlinge Führungen machen und über das Erlebte sprechen. Das könnte ihm vielleicht helfen, sein Schicksal zu verarbeiten. Mario begann sein Leben wieder in die Hand zu nehmen, begann eine Therapie, nahm Einblick in seine Stasiakte und kam 1998 das erste Mal in die jetzige Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dem ehemaligen Untersuchungsgefängnis. Er nahm mit seinen Eltern an einer öffentlichen Führung teil und erkannte während dieser Führung, elf Jahre nach seiner Inhaftierung, den Ort wieder, an dem er damals gefangen war. Bis zum Lesen seiner Stasiakte wusste Mario nicht, wie auch die meisten anderen Häftlinge, wo er damals gefangen gehalten wurde. Er bekam auch erst jetzt das erste Mal andere Mithäftlinge zu Gesicht. Während der gesamten Haftzeit waren die meisten Häftlinge ja immer strikt voneinander getrennt in Isolationshaft gehalten worden.

Als Mario 1997 Einblick in seine Stasi Akte nahm, rechnete er mit einer kleinen Akte, vielleicht sogar einer einzigen Karteikarte. Schließlich war er ja nur ein „kleiner Fisch“, der nur in den Westen wollte. Er hatte keine Straftaten begangen und war nicht in der Opposition tätig. Als die Mitarbeiterin der Stasi Unterlagen Behörde fünf dicke Aktenordner auf den Tisch stellte, fragte er ganz naiv, welcher davon denn seiner sei. Die Antwort erschreckte ihn, denn sie lautete: ALLE!

Beim Lesen wurde er immer ungläubiger und fassungsloser. Auf 2.000 Seiten war sein Leben vom 16. bis zum 20. Lebensjahr bis ins kleinste Detail niedergeschrieben. Die Stasi hatte ihn rund um die Uhr überwacht. Er hätte selbst überhaupt kein Tagebuch führen müssen, denn die Stasi hat all das viel genauer getan, als er es selbst gekonnt hätte. Er konnte nachlesen, wann er wo war, mit wem er sich getroffen hat, welche Orte er besucht hat, was er da gemacht hat, teilweise was er gegessen und getrunken hat. Sein Leben aufgeschrieben bis ins kleinste, nichtigste Detail. Und das alles nur, weil er homosexuell war, einen Freund im Westen hatte und später, auf Grund der Schikanen, weg wollte. Das Schlimmste für Mario aber war zu lesen, wer ihn und warum an die Stasi verraten hatte. Neben seinem Chef und seinen Arbeitskollegen fand er darunter leider auch den Namen seines besten Freundes.