Die Flucht

Als die Situation immer unerträglicher wurde, reifte der Entschluss, die DDR zu verlassen und in den Westen zu fliehen. Eine einsame Entscheidung, denn er erzählte niemandem, nicht einmal seinen Eltern, von seinem Plan.

Über Gerüchte und Mundpropaganda glaubte Mario zu wissen, dass es am einfachsten wäre, über Ungarn nach Jugoslawien zu fliehen. Die Grenze nach Jugoslawien wäre viel schlechter bewacht und gesichert als die von Ungarn nach Österreich, hieß es. In Jugoslawien hätte man als Flüchtling aus der DDR keine Verfolgung zu fürchten und die Botschaft der Bundesrepublik in Jugoslawien würde DDR Bürgern Papiere ausstellen, mit denen man über nichtsozialistische Länder wie z. B. Italien in die Bundesrepublik weiterreisen könnte.

Am 14. Juni 1987 flog Mario nach Budapest und am 25. per Bahn, Bus und Autostop weiter Richtung Pécs ins Grenzgebiet zu Jugoslawien. Allerdings nahm sich Mario nur wenig Zeit, die Grenze auszukundschaften. Er stellte schnell fest, dass in ganz regelmäßigen, stündlichen Abständen eine Patrouille kam und ansonsten keine Sicherungsanlagen vorhanden waren. Die Entfernung zur Grenze betrug auch nur 300 m und so beschloss er, in einer der nächsten Nächte die Flucht zu wagen.

Was Mario nicht wusste, auch auf Grund seiner nur sehr kurzen Grenzbeobachtung, war, dass die einheimischen Bauern und Bewohner mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeiteten und von denen Kopfprämien für jeden aufgegriffenen Grenzverletzer erhielten.

Bei seiner nächtlichen Flucht wurde er dann auch von einem einheimischen Bauern mit Gewehr entdeckt und verfolgt. Voller Angst und Panik setzte er die Flucht jedoch fort, selbst auf die Gefahr hin, erschossen zu werden. Nur wenige Meter vor Erreichen jugoslawischen Territoriums stolperte er im Dunkeln, stürzte und wurde von dem Bauern gestellt und der ungarischen Grenzpolizei übergeben.

Am schlimmsten und erniedrigsten empfand Mario den Moment, als der ungarische Bauer bei seiner Übergabe von der ungarischen Polizei quasi als Judaslohn ein dickes Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt bekam.

Von der Grenze wurde Mario noch in der selben Nacht nach Budapest ins zentrale Militärgefängnis überführt. Dort verbrachte er eine Woche in einem dunklen, feuchten, nach Urin riechenden Kellerloch. „Mehr Prügel als zu essen“, wie er sich heute erinnert. Ca. 10 kg nahm er in dieser einen Woche ab. Gleichzeitig machte ihm die ungarische Polizei aber Hoffnung und deutete immer wieder an, dass sich vielleicht die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland um ihn kümmern würde. Nach einer Woche wurde Mario in ein Büro gebracht, in dem ein Mann im feinen Anzug saß und ihn erwartete. „Der Vertreter der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland“, dachte Mario in dem Moment, der ihm nun sagen würde, dass er in die BRD ausreisen könne.

Als der Mann sich ihm zuwandte und in breitem sächsischen Dialekt sagte: „Ich bin von der Botschaft der DDR, vom Ministerium für Staatssicherheit, Sie werden morgen in die Hauptstadt gebracht“, ging der letzte Rest Hoffnung unter.

Mit acht anderen Jugendlichen, auch Mädchen, die sich alle nicht kannten, die aber alle in Ungarn beim Versuch des „illegalen Grenzübertritts“ aufgegriffen worden waren, wurde er am nächsten Morgen in eine Garage gebracht. Dort mussten die Neun sich aufstellen. Danach kamen neun Stasileute und jeder wurde mit Handschellen an einen der Stasileute gefesselt und mit einem Bus zum Flughafen gebracht. Ein eigens gechartertes Flugzeug wartete auf sie. 150 Sitzplätze für 18 Personen, sie wurden in die DDR geflogen.