Ankunft in Hohenschönhausen

Die Maschine landete auf dem Flughafen Schönefeld auf einem abgelegenen Rollfeld. Dort warteten mehrere Transporter auf die neun Gefangenen. Die Fahrzeuge waren nicht als Gefangenentransporte erkennbar, sondern als normale Lieferfahrzeuge getarnt. Einer war in blau mit „Obst und Gemüse“, ein anderer, in den Mario einsteigen musste, in rot mit „Zentrum Warenhaus“ beschriftet. Die Fahrer der Transporter trugen über ihren Stasiuniformen neutrale Kittel, die der Beschriftung der Fahrzeuge entsprachen.

Der direkte Weg vom Flughafen zum Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen beträgt circa 40 Minuten. Die Fahrt jedoch dauerte ungefähr vier Stunden. Die Gefangenen sollten keine Ahnung haben, wo man sie hinbringt, deshalb war es bei allen Häftlingstransporten üblich, lange Umwege zu fahren. Musste z. B. ein Häftling aus seiner Zelle im Gefängnis in die Krankenstation verlegt werden, die sich direkt auf dem Gefängnisgelände befand, wurde er auch wieder in einen Transporter geladen und erst einmal längere Zeit „spazieren gefahren“ bevor er in der, nur wenige Schritte entfernten Krankenstation. wieder aussteigen durfte. Mario erfuhr so erst 1997 aus seiner Stasiakte, in welcher Haftanstalt er zehn Jahre zuvor gesessen hatte.

Während der Fahrt stieg die Angst und Mario dachte: „Hoffentlich bringen sie uns jetzt nicht in den Wald, wo wir dann „auf der Flucht“ erschossen werden“.
Nach schier endlos langer Zeit kam der Wagen irgendwann zum Stehen und nach kurzer Zeit wurde die Tür aufgerissen und man war zum Glück nicht im Wald, sondern in einer Garage. Unter Gebrüll, Geschrei und Drohungen von Stasiwärtern mussten die Gefangenen aussteigen und sich mit dem Gesicht zur Wand und Händen hinter dem Kopf aufstellen. Einzeln musste einer nach dem anderen dann einem Wärter ins Gefängnis folgen.

Nach einer erniedrigenden und schmerzhaften Leibesvisitation in allen Körperöffnungen mussten die Häftlinge alle persönlichen Sachen abgeben. Diese kamen in einen Schuhkarton, der mit der Nummer der Zelle, im Fall von Mario die 328, beschriftet war. Mit diesen Sachen gab man auch seine Identität ab. Ab diesem Moment hieß Mario nur noch 328. Wenn ein Wärter die Zellentür aufriss, hatte Mario von seiner Pritsche aufzuspringen, Hände an die Naht zu legen und zu melden „328 bereit zur Vernehmung“.