Seitenwechsel – Ein Tag auf der Straße

Auf der Straße leben – dieses Gefühl wollte ich auch mal annähernd erahnen können, wenn ich mich schon so viel und intensiv mit dem Thema Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit beschäftige. Also verabredete ich mich mit Ole und Snezhana, um einen Tag und eine Nacht mit ihnen zu verbringen.
Ich gebe zu, ich habe gewartet bis es warm wird, die kalte Jahreszeit vorbei ist und habe diesen Selbstversuch nicht im Winter gemacht. Aber das kann ja noch kommen.

Am 3.6 erschien ich also, bepackt mit Rucksack und einer Tasche, welche ein Zelt, einen Schlafsack und eine Isomatte enthielt, um 14 Uhr in der Bahnhofsmission am Zoo. Nach dem Essen gingen wir dann zu fünft, gemeinsam noch mit Sebastian und Gogo, den Kudamm hinauf zur City Station Halensee.
Auf dem Weg dorthin sammelten Ole, Gogo und Sneszhana Flaschen. Gogo auf der südlichen Seite des Ku-Damms, Snezhana und Ole die nördliche Seite hoch in Richtung Halensee. Jeder Mülleimer wurde durchsucht. Mir war nie aufgefallen, wie viele Mülleimer es in Berlin gibt. Der wahre Profi unter den Flaschensammlern ist Snezhana. Sie sieht jede Flasche schon von weitem, egal ob in einer Mauernische, einem Fenstersims, oder sonst in irgend einer Ecke. Nach ein paar Minuten begann auch ich schon überall Flaschen und Mülleimer zu sehen. Selektive Wahrnehmung nennt man das wohl. Ich merkte auch die Reaktion der Menschen um uns herum. Wir wurden schon manchmal verächtlich angeschaut. Da gibt es eindeutig eine unsichtbare Mauer und eine ganz klare Trennung zwischen „denen“ und „uns“. Ich werde daran arbeiten diese Reaktionen der Umgebung, bei weiteren gemeinsamen Tagen mit Snezhana, Ole und auch anderen Gästen der Bahnhofsmission, mit der Kamera einzufangen. Ich finde das, was da in der Umgebung passiert, extrem „spannend“ und aufschlussreich.

Die City Station Halensee ist eine Einrichtung der Stadtmission, die von 16 bis 20:30 geöffnet ist. Die Einrichtung ist offen für Jedermann und es gibt selbstgekochtes Essen für 60 Cent bis 1 Euro. Dazu Kaffee und nichtalkoholische Getränke für wenige Cents.
Weiterhin kann man für jeweils 60 Cent Wäsche waschen und trocknen (was der Grund des heutigen Besuchs von Ole und Snezhana war), und duschen. Auch eine Kleiderkammer gibt es in der City Station. Die Zeit bis die Wäsche fertig ist, vertreibt man sich mit Skat, „Mensch ärgere Dich nicht“, lesen, quatschen und auch Maniküre.

Nachdem Wäsche und Maniküre erledigt waren ging es Richtung Schlafplatz, nicht ohne wieder jeden Mülleimer zu durchsuchen und ständig nach Flaschen Ausschau zu halten. Bei einem Zwischenstopp am Theodor-Heuß-Platz gabs dann ein „Feierabendbier“, wirklich nur eins, während Snezhana den Park auf dem Theodor-Heuß-Platz abgraste und innerhalb von wenigen Minuten, ganz stolz eine großen Tasche mit leeren Pfandflaschen füllte. Eingelöst im Supermarkt gegenüber, waren das 5,70 Euro.
Während wir auf im Park sitzen und unser Bier trinken spielt Oles Handy verrückt. Eine Nachricht nach der anderen kommt an. Ole erzählt mir, dass ein „Kollege“ mal wieder auf Drogen und Alk ist, völlig zugedröhnt, und deshalb gerade wieder einmal die große Krise hat und sich umbringen will. Das käme hin und wieder vor, er kennt das schon, nicht ungewöhnliches. Schließlich ruft Ole ihn an, statt nur per Kurznachrichten zu kommunizieren, redet mehrere Minuten mit ihm, und holt ihn wieder ein wenig runter von seinem Trip.

Inzwischen war es schon 21:30 und so ging es langsam Richtung Schlafplatz. Wo dieser sich genau befindet, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, aber er liegt recht zentral und doch ruhig und versteckt zugleich. Ein guter Platz wie ich finde, zumindest in der warmen Jahreszeit. Im Winter sieht das Leben draußen ganz anders aus, egal an welchem Platz.

Zelt aufgebaut, noch was getrunken und gegen 22:30 gings ins Zelt. Ich habe schon lange nicht mehr im Zelt geschlafen, es war eng und unbequem, 22:30 ist auch nicht unbedingt meine normale Schlafenszeit und die Eindrücke des Tages gingen mir urch den Kopf. Morgens um fünf machten dann auch noch die „blöden“ Vögel einen heiden Krach. Kurzum, viel geschlafen habe ich nicht.

Gegen sieben bin ich dann aufgestanden, während die Anderen noch schliefen und habe mir den Schlafplatz und die Umgebung mal im Hellen näher angeschaut. Nur wenige Meter vom Schlafplatz geht eine kleine Straße zu einer Schule, wo um diese Zeit reges Leben herrscht. Und Irgendwie, wie ich da so im „Gebüsch“ im Wald stand und die Menschen ganz nah an mir vorbeieilen sah, hatte ich das Gefühl der Ausgrenzung. Wir hier drin im Gebüsch, Die da draußen. Schon komisch, wobei ich sicher bin, dass man sich daran gewöhnt und das vielleicht nach einer Weile nicht mehr so sieht.

Ich organisierte in der Nähe Kaffee to go und gegen 8:30 weckte ich Snezhana und Ole mit „Kaffee ans Bett“. Gogo, der dritte Mann am Platz, war zu der Zeit schon weg. Nach dem Kaffee und der morgendlichen Körperpflege musste ich mich für heute verabschieden, denn ich musste/durfte zurück in mein geregeltes Leben, zum Arbeiten.

Der Tag war sehr aufschlussreich und hinterließ interessante, tiefe Eindrücke, die sich nur schwer in wenige Sätze packen lassen.
Mir geht viel durch den Kopf (auch jetzt noch) und bestimmt nehme ich vieles subjektiv ganz anders wahr, als Ole und Snezhana das tun, die ja jeden Tag so leben.
Mir fielen natürlich, wie schon erwähnt, die Blicke der Menschen auf, die uns manchmal trafen und folgten. Nicht oft, dazu sind Flaschensammler und Wohnungslose wohl zu „normal“ im Berliner Stadtbild, aber doch immer wieder. Es gibt definitiv eine unsichtbare Barriere zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Menschen wie Snezhana und Ole. Und auch ich gehörte, quasi von einer Minute zur anderen, nicht mehr dazu, zur Mehrheitsgesellschaft. Ich war plötzlich Teil der Minderheit und das spürte ich auch. Die Menschen um uns herum begegneten mir anders, als wenn ich alleine, bzw. mit Freunden und Familie unterwegs bin, und nicht mit Obdachlosen Mülleimer durchwühle. Ich fühlte mich ausgeschlossen. Mag sein, dass das rein subjektives Empfinden ist, aber so empfand ich es.

Dann merkte ich natürlich sehr schnell, dass ich natürlich privilegiert bin, gegenüber den Anderen. Wenn ich Durst habe, kaufe ich mir was zu trinken, als ich abends Hunger hatte, kaufte ich mir einen Döner, wenn ich Lust auf einen Kaffee hatte, holte ich mir einen. Völlig normale Dinge, die für Ole und Snezhana nicht so ohne Weiteres, und ohne darüber nachzudenken, möglich sind. Jeder Cent muss erst mühsam erarbeitet werden und evtl. für wichtigere Dinge benutzt werden, speziell im Fall von Snezhana, die keinerlei staatliche Unterstützung erhält.
Normale Annehmlichkeiten, wie abends auf der Couch fernsehen, am Computer sitzen und surfen, mal eben an den Kühlschrank gehen, bei Bedarf ein „hübsches“ Badezimmer nutzen…. Alles Selbstverständlichkeiten für mich, die es bei dieser Art von Leben nicht gibt. Sicher, auch daran kann man sich bestimmt gewöhnen, aber das wäre für „Wohlstandsmenschen“ wie mich, sicher nicht so ganz leicht.
Dazu leben im Zelt und unter Brücken. Im Sommer ist das ja vielleicht noch ganz „witzig“, aber im Winter, bei minus 20 Grad….?
Nach diesen Erlebnissen habe ich nun auch den endgültigen Titel für meine diese Arbeit, das Buch, die Ausstellung, und was immer daraus vielleicht noch entsteht gefunden:
Man bewegt sich den ganzen Tag durch die Stadt, ist immer mitten unter Menschen, aber doch ist man von Vielem ausgeschlossen: „Mittendrin, aber nicht dabei.“, Das ist das Fazit meines Tages mit Snezhana und Ole und der Titel meiner weiteren Arbeit.