Marokko – Geduld und Hoffnung sind der Schlüssel zum Himmel
Eine Reise durch ein faszinierendes Land. So nah an Europa und uns doch so fern. Faszinierend, aufregend, spannend, freundlich, märchenhaft, so erlebten wir Marokko. Marrakesch, der Hohe Atlas, Essaouira, der Atlantik, die Wüste Sahara, Araber, Berber, Touareg. Immer neu, immer anders, aber immer schön.

Marokko – Geduld und Hoffnung sind der Schlüssel zum Himmel

Was hatte ich nicht alles über Marokko gehört im Vorfeld unserer Reise. Von Superlativen bis“nie wieder“ war alles dabei. So war ich wirklich gespannt, was mich erwarten würde.
Ursprünglich wollte ich ja nur sieben Tage mit Beduinen durch die Wüste wandern und wieder nach Hause fliegen. Nach einem kurzen Blick in einen Reiseführer und der Feststellung, dass es so viel zu sehen gibt wurden dann 23 Tage daraus mit dem Ausgangs- und Endpunkt Marrakesch.

In Marrakesch hatten wir drei Nächte im hochgelobten Riad Alnadine gebucht, der bei tripadvisor drittbest bewertete Riad in Marrakesch unter mehreren hundert und das für erschwingliche 71 Euro pro Nacht (direkt gebucht, nicht über ein Hotelportal, wie man generell sagen kann, dass alle unsere Unterkünfte über ein Portal fast immer teurer warenwie direkt gebucht, da die Hoteliers die 17% Kommission, die z. B. booking.com verlangt auf die Preise in den Portalen aufschlagen, und das völlig zu Recht wie ich finde). Ich kann mich den Lobeshymnen über den Riad Alnadine nur anschließen. Ein wunderschön restauriertes Haus mit nur fünf Zimmern, das veredelt wird von Nadine und Alan, die so wundervolle Gastgeber sind und einem jeden Wunsch erfüllen und Ihr Haus mit einer Stimmung der Gastfreundschaft füllen, wie man sie selten findet. Vielen Dank dafür!

Beim ersten abendlichen Spaziergang stellte ich schnell fest, dass ein Wehrmutstropfen (es gibt noch zwei weitere, aber davon später) von dem ich im Vorfeld schon gehört hatte leider wahr ist: Fotografieren ist schwierig bis unmöglich. Besonders wenn man wie ich das Motto vertritt „Fotos ohne Menschen sind langweilig“, ist es sehr schwer. Entweder wird man beschimpft oder sofort kommt jemand, der 10 Dirham pro Foto verlangt. So habe ich dann schweren Herzens das Fotografieren recht schnell eingestellt bzw. mich nur noch auf unverfängliche Fotos beschränkt. Also nicht wundern, wenn die Fotos in meinem Blog nicht die tollsten sind oder nicht zu vielen beschriebenen Szenen und Eindrücken nicht die entsprechenden Fotos auftauchen.
Zu fotografieren gäbe es mehr als genug. Marrakesch ist ein Fest für die Sinne, eine Lawine der Eindrücke, die einen am Anfang total überrollt. Hunderttausende Motive, eines spannender als das andere. In der Medina von Marrakesch an jeder Ecke ein kleiner Laden, ein kleiner Handwerker, wie sie in Europa schon seit Jahrzehnten verschwunden und dem Fortschritt zum Opfer gefallen sind. In oft winzig kleinen Verschlägen von nur 1 x 1,5 Meter sitzt jemand und näht, hämmert, schraubt, schneidet irgendwas. Dann wieder größere Lokale mit Tischlereien, Eisenschmieden und Mopedwerkstätten. Mopeds, welche ständig, mit hoher Geschwindigkeit und ohne große Rücksicht auf die Fußgänger durch die engen Gassen der Medina brausen. Ein paar Schritte weite dann Höfe in denen Esel und Karren rumstehen, die für den Transport von Gütern in der Medina genutzt werden. Die Eseldichte in der Medina von Marrakesch ist wohl ungefähr so hoch, wie die der Katzen, die es auch in Massen gibt.

Läuft man dann durch die Souks der Medina findet man die Kunsthandwerker. Leder, Kleidung, Schuhe, Kunstschmiede, welche all die Dinge in Handarbeit herstellen, die man dann eine Ecke weiter in den Andenkenläden kaufen kann.

Wie alle Touris landeten auch wir am ersten Abend natürlich auch auf dem zentralen Platz der Geköpften, Djemaa el Fna. Ein buntes Treiben von allen möglichen Händlern, Künstlern und Essständen. Bei den mit Nummern versehenen Essständen wird man ständig und stark bedrängt, doch zum Essen zu bleiben. Natürlich ist jeder von ihnen der Beste und Billigste. Am ersten Abend nervt das noch, aber wir haben uns schnell angewöhnt, das Spiel mitzuspielen. Ich kann kein Französisch aber „Deja mangez“ (ich habe schon gegessen) habe ich mir von Andrea beibringen lassen und dann entwickelt sich oft ein Dialog wie der folgende:

Where are you from, come here, good food, cheap and no diarea.
No, deja mangez!
Ok, than maybe tomorrow!?
Yes, tomorrow, Inschallah!
I am No 25, remember!
Oh yes, 25, for sure. And you are the best, right?
(gespielte Überraschung) How do you know?
I just konw
Man gibt sich noch lachend die Hand und die Situation ist vorbei.

Wir haben sehr schnell festgestellt, dass die meisten Menschen sehr viel Humor haben, und wenn man es spaßig und locker angeht man oft viel zu lachen hat und entspannt durchkommt.

Für den ersten Abend war uns aber das Treiben noch zu viel und zu aufdringlich und wir waren wohl auch ein wenig überfordert, so dass wir auf der Terrasse eines der vielen Restaurants am Platz zu Abend aßen, das außer dem Personal wohl noch nie einen Marokkaner zu sehen bekommen hat.

Am nächsten Morgen war ich schon um 6:30 wach und ging ungefähr 1 ½ Stunden alleine ein wenig durch die Gassen der Medina. Dieser morgendliche Spaziergang hat mich total überwältigt. Die Stadt erwacht, die Leute gehen Brot holen, die Kinder gehen zur Schule, die ersten Geschäfte öffnen, die Teestuben und mobilen Teestände sind schon in Aktion. Niemand will einem was verkaufen, niemand quatscht einen an, ganz viele Leute grüßten mich mit einem freundlichen bonjour. Am Place Sidi Youb baute ein alter Mann gerade seinen Teestand auf und ich ließ mir einen Tee geben. Zum Tee bekam ich auch sofort einen Stuhl hingestellt, damit ich mich setzen konnte. Der ältere Herr sprach nur arabisch, so dass leider keine Kommunikation möglich war. Er erzählte mir zwar ganz viel, aber ich verstand kein Wort, aber darauf kam es wohl auch nicht an. Dann musste ich auch noch von der Suppe, deren Namen ich auch nicht mehr kenne, kosten, welche er gerade schon für den Mittag zubereitete. Mit einem zweiten Tee ließ ich das Treiben auf der Bühne „Place Sidi Youb“ an mir vorüberziehen bevor ich weiter durch die Gassen der Medina spazierte. Nach diesem Spaziergang war ich verliebt in Marrakesch, von diesen wunderbaren, warmherzigen, freundlichen Menschen und dieser Eindruck sollte sich auch nicht mehr ändern.

Aus den gebuchten drei Tagen haben wir schon am zweiten Tag fünf Tage gemacht, weil uns Marrakesch so in seinen Bann gezogen hat.

An einem der folgenden Abende aßen wir irgendwo in der Medina an einem Imbiss, wo außer uns nur Einheimische saßen. Wir aßen so viel und reichlich und zahlten am Ende so wenig, dass ich mir sicher war, der gute Mann hat sich verrechnet, was aber nicht der Fall war. An unseren Tisch gesellte sich eine Gruppe bestehend aus einem Amerikaner mit drei ganz jungen, offensichtlich muslimischen Frauen. Wir kamen schnell mit den Vieren ins Gespräch. Die drei jungen Frauen, alle Anfang 20, Marokkanerinnen, hatten in Rom ein Erasumssemester gemacht und dort Michael kennen gelernt, der in Rom lebt und sie nun in Marrakesch besuchte. Es war ein ganz witziges, interessantes Abendessen mit den Vieren. Die Mädchen waren witzig, klug, selbstbewusst, intelligent, neugierig und es hat riesigen Spaß gemacht sich mit ihnen zu unterhalten. Bei der Gelegenheit haben wir auch gelernt richtig mit den Fingern zu essen. In Marokko isst man nämlich mit den Fingern, nicht mit Besteck und in jenem Imbiss gab es zum Essen auch kein Besteck, denn das war ja eigentlich tourifreie Zone. Zum Essen benutzt man nur die rechte Hand. Die linke bleibt damit sauber und frei für andere Dinge. Mit nur einer Hand vernünftig zu essen ist wahrscheinlich genauso kompliziert wie mit Besteck zu essen, wenn man das nicht kennt und bedarf wohl noch einiger Übung bis wir das unfallfrei beherrschen.

Abends landet man fast zwangsläufig immer wieder auf dem Djemaa el Fna. Schnell stellt man fest, dass das auf den ersten Schein völlige Touristenspektakel gar keines ist. Abends ab ca. 21:00 Uhr ist der Platz voll mit Leuten und ca. 80% davon sind Marokkaner, während der Platz tagsüber mit den Schlangenbeschwörern, Affenmenschen u. ä. wirklich allein den Touristen gehört. Abends lohnt es sich auf jeden Fall mal einem Geschichtenerzähler oder Verkäufer zuzuhören, auch wenn man nichts versteht. Uns hat es z. B. an einen Stand gezogen wo ein Verkäufer eine riesen Show abzog. Mit dem Auftritt wäre ihm ein Engagement an einem deutschen Theater wohl sicher. Wie wir schnell mitkriegten, auch ohne arabisch zu sprechen, ging es um ein angebliches Wundermittel für alle möglichen männlichen Leiden und Potenzprobleme. Der Auftritt war einfach bühnenreif und hat Spaß gemacht anzuschauen.

Die vielen Musikgruppen auf dem Platz sind ebenfalls immer eine Pause wert. Für ein paar Dirham kann man auf einem Hocker oder einer Bank Platz nehmen und der Musik aus allen Teilen Marokkos und Afrikas lauschen.

Allein zwei Tage haben wir wohl nur damit zugebracht ziellos durch die Gassen der Medina zu streifen. Das kann man jedem Marrakesch-Besucher nur empfehlen. Keine Angst, keine Scheu, die Leute sind alle nett und freundlich und es gibt so viel zu entdecken. Manchmal werden die Gassen immer enger, immer kleiner, manchmal muss man sogar den Kopf einziehen, bevor sich die Gasse wieder öffnet und man wieder vor wunderschönen, alten Türen steht oder an einem kleinen Lichthof landet. Manchmal sind die Gassen aber auch einfach zu Ende und man steht vor einer Tür oder einer Wand und man muss wieder umdrehen. Aber egal, immer wieder öffnen sich neue Perspektiven und Einsichten.

Einen Morgen besuchte ich das Viertel der Gerber. Das Viertel ist nur über zwei oder drei Gassen zu erreichen und am Eingang jeder dieser Gassen lauern schon junge Männer, die einem den (sowieso offensichtlichen) Weg erklären und dafür dann Geld wollen, oder einfach nur betteln. Dies übrigens der zweite Wehrmutstropfen hier in Marokko. Man kann irgendwann nicht mehr unterscheiden, wer sich mal wieder aufdrängt um die Hand aufzuhalten und wer einfach nur nett und freundlich ist. So besteht leider die Gefahr, dass man vielleicht mal zu jemandem unhöflich ist, der nur nett sein will (geht nicht nur uns so, wie wir von anderen Reisenden gehört haben).

Dieses Gebettle und Aufdringliche geht auch Marokkanern ziemlich auf die Nerven. Nicht weil sie davon selber betroffen sind, aber (wie uns Miriam, die wir in einer Galerie kennen lernten erklärte) sie es ganz schrecklich finden, dass niemanden mehr irgendwas macht, ohne die Hand dafür aufzuhalten. Für eine Auskunft nach dem Weg, nach dem Bus, o. ä. gehört es sich einfach nicht Geld zu verlangen, wie sie meinte.

Bei anderen Gelegenheiten, wird versucht mit „Zutritt verboten“ oder „gesperrt“ die Touristen zu verunsichern um sie dann „auf den richtigen Weg“ zu führen. In solchen Fällen: Nicht irritieren lassen, sondern einfach weitergehen.

Nach nur kurzer Zeit hatte ich meinen „Verfolger“ abgeschüttelt und gelangte zu einem Hof in welchem Felle von Kühen, Kamelen, Ziegen und Schafen zu Leder gegerbt werden. Die Höfe sind offen, man kann einfach hineingehen, freundlich grüßen und die Leute lassen einen gewähren, wenn auch nicht sonderlich enthusiastisch. Keine zwei Minuten dauerte es, bis jemand kam und sich als Mitglied der Kooperative der Gerber vorstellte und sich als Führer anbot. Für 50 Dirham engagierte ich ihn und er führte mich durch zwei Höfe und erklärte mir wie die Felle in mehreren Verarbeitungsschritten gegerbt werden. Die Männer stehen ohne großen Schutz bis zur Hüfte in der Brühe in der die Felle schwimmen. Lediglich in den Bassains mit den ätzenden Flüssigkeiten tragen die Männer hohe Gummistiefel oder eine Art Anglerhose. Es riecht stark, wenn auch nicht so schlimm wie befürchtet. Gegen weitere 40 Dirham durfte ich dann einen der Männer, die ganz zum Schluss die Haare des Felles vom gegerbten Leder schaben fotografieren. Kein sehr rückenschonender Job.

Besuche der Kasbah von Marrakesch mit den Saadier-Gräbern, dem jüdischen Viertel, dem Museum Yves Saint Laurent und ein Kaffee auf der Terasse des besten Hotel des Landes dem La Mamounia rundeten den Marrakesch-Aufenthalt ab.

Uns war aufgefallen, und ich hatte auch schon davon gehört, dass viel Zivilpolizei auf den Straßen unterwegs sein muss. Wenn irgendwo mal ein Streit oder ein Handgemenge ausbricht sind sofort Männer zu stelle die einschreiten und die augenscheinlich eine gewisse Autorität haben.

Wir haben mit unterschiedlichen Menschen gesprochen und alle bestätigen diesen Eindruck. Ich glaube, man kann Marokko durchaus einen Überwachungs-, oder Polizeistaat nennen, ohne dies aber jetzt mit autoritären Staaten zu vergleichen, wo man ständig mit einem Bein im Gefängnis ist. In Marokko hat der Staat alles unter Kontrolle. Die Angst vor Terroranschlägen ist hoch und vermutlich auch die Furcht vor einer Art Arabischer Frühling.

Marokkaner müssen sich angeblich bei der Polizei an- und abmelden, wenn Sie jemanden in einer anderen Stadt besuchen. Unterlassen sie das, gibt es Ärger. Ein neuer im Viertel fällt schnell auf und wird anscheinend auch zuverlässig den Behörden gemeldet.

Ein Hotelier erzählte uns, dass eines Tages die Polizei bei ihm im Hotel auftauchte und fragte, was denn der ausländische Journalist bei ihm im Hotel wolle. Der Hotelier war völlig verblüfft, da er gar nicht wusste, dass überhaupt ein Journalist bei ihm im Haus war. Die Polizei war auch schnell wieder weg und beruhigt, als sie feststellte, dass der Journalist nicht beruflich in Marokko war. Aber alles ist immer unter Kontrolle. Mit dieser Kontrolle gewinnt man auf der anderen Seite natürlich Sicherheit. Marokko ist ein absolut sicheres Reiseland. Nie haben wir irgendwas negatives gehört. Das schreibe ich natürlich nicht nur der hohen Kontrolle zu, sondern auch dem Umstand, dass Marokkaner einfach total nette, freundliche, ehrliche Menschen sind.

Man kann überall am Straßenrand mit dem Wohnmobil übernachten, ohne dass was passiert. Wir haben ein Pärchen getroffen, die drei Monte durch Marokko reisen und wegen Geldmangel oft unter freiem Himmel schlafen. Die berichteten, dass schon nach zwei, drei Tagen Einheimischen bei ihnen vorbei schauen um sich zu vergewissern ob es ihnen gut geht und sogar hin und wieder was zu essen mitbringen. Eine andere Freundin, die letztes Jahr mit einer kleinen Gruppe durch Marokko reiste erzählte, dass ein Mitglied der Gruppe seine Geldbörse in einem Café hat liegen lassen. Einige Minuten später, war die Gruppe am Bus und es war noch gar nicht aufgefallen, dass die Geldbörse weg war, da tauchte ein Mann am Bus auf und brachte die Geldbörse. Woher er wusste, wo der Bus der Gruppe steht, oder dass die Gruppe überhaupt mit einem Bus da war….. Keine Ahnung.

Am Abend des zweiten Tages holten wir unseren gebuchten Mietwagen ab. Da wir ja zwei Nächte in Marrakesch verlängert hatten, stellten wir den Wagen erstmal für 3 Nächte auf einem Parkplatz in der Nähe des Riads unter. Auto fahren in Marrakesch ist ein echtes Erlebnis. Ich bin Auto gefahren in Caracas, Mexiko City, Santo Domingo, u. a., aber Marrakesch toppt das nochmal. Es gibt ganz sicher Regelen, nur sind das nicht die, die irgendwo in der marokkanischen Straßenverkehrsordnung stehen und auch nicht die, die in Mexiko oder Venezuela gelten. Ich würde mal sagen: Dreist kommt weiter, wer schneller ist hat Recht. Aber man gewöhnt sich schnell daran.

Nach fünf Tagen in Marrakesch fuhren wir dann an die Atlantikküste nach Essaouira.
Unterwegs fuhren wir durch das Gebiet der Arganbäume und den Ziegen in den Bäumen. Die Ziegen fressen die Früchte des Arganbaumes, der Kern wird ausgeschieden, geknackt, der darin befindliche Samen entnommen, dieser dann geröstet, gemahlen und unter Beimengung von Wasser so lange geknetet bis Öl austritt. Für einen Liter Arganöl, das übrigens ganz hervorragend schmeckt, muss eine Person 1 ½ Tage arbeiten.

Essaouira, die Stadt des Windes wie sich auch genannt wird, und die Stadt der Möwen, wie ich finde, ist eine andere Welt wie Marrakesch, was schon damit beginnt, dass die Stadt ganz anders aussieht. Die Stadt wurde von Portugiesen gegründet und erinnert mehr an Portugal denn an Marokko. Wenn man von Marrakesch kommt ist Essaouira fast ein wenig langweilig. Außerdem hat man das Gefühl, dass für die kleine Stadt einfach zu viele Touristen da sind. Diesen Eindruck hatte man in Marrakesch nur an ein paar wenigen Stellen.

Der kleine Riad Dar Ness, ein wenig unperfekt (verglichen mit dem Alnadine in Marrakesch), aber mitten in der Altstadt gelegen mit wunderbar freundlichem Personal ist allemal einen Besuch und Aufenthalt wert. Beim Spaziergang durch den Fischereihafen wurde ich gleich von jemandem zur Besichtigung einer „Werft“ eingeladen, natürlich gegen ein kleines Bakschisch. Wobei Werft etwas übertrieben ist. Die deutsche Berufsgenossenschaft würde Amok laufen.

Gleich neben dem Hafen sind mehrere Fischimbisse, wo man den frisch gefangenen Fisch aussuchen und essen kann. Ein Essen dort ist unbedingt zu empfehlen. Wir haben gut gegessen und hatten viel Spaß mit den Leuten die dort arbeiten.

Nach zwei Tagen Essaouira waren wir irgendwie froh, dass wir endlich in den Hohen Atlas aufbrechen konnten. Über Agadir ging es dann Richtung Osten langsam in die Berge. Diese Fahrt war wohl die längste am Stück während des Urlaubs. Ca. 7 Stunden sind wir bis Taliouine gefahren.

Nachdem die Verkehrsregeln in Marrakesch eher nebensächlich waren, bin ich dann auch dementsprechend über Land gefahren, wobei mir schon auffiel, dass sich die Einheimischen meist an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hielten. Ich tat das eher nur sporadisch und so dauerte es nicht lange bis wir freundlich rausgewunken wurden, weil ich vor einer Schule die Höchstgeschwindigkeit um 12 km/h überschritten hatte. Das würde 150 Dirham kosten wurde mir beschieden und ob ich bereit wäre den Betrag zu bezahlen. Ich hielt die Frage für rein rhetorisch und bezahlte die umgerechnet 12 Euro. Dafür bekam ich sogar einen Quittung, was mich doch sehr überraschte.

Einige Tage später kamen wir wieder mal an einen der Polizeikontrollpunkte, welche es in Massen im ganzen Land gibt. Im Prinzip vor/hinter jeder Ortschaft, an jeder größeren Kreuzung und an jedem wichtigen Verkehrsknoten sind Kontrollpunkte eingerichtet die jedes Fahrzeug in Schrittgeschwindigkeit passieren muss. In der Wüste wird die Anzahl und Dichte der Kontrollpunkte dann etwas geringer. Als Tourist wird man in der Regel einfach durchgewunken und kann weiter fahren. Nur diesmal beging ich den Fehler, dass ich beim ranfahren an die Kreuzung, wo der Kontrollpunk eingerichtet war, ein Stoppschild missachtete, wessen ich mir aber nicht bewusst war. Erstmal fuhr ich ja in einen Kontrollpunkt der Polizei, zweitens stand das Stoppschild nicht direkt an der Kreuzung, sondern schon ca. 15 m davor. Für mich bedeutete das Stoppschild „an der Kreuzung stoppen“ und nicht schon 15 m vorher. Also wurde ich wieder mal nett rausgewunken und mir wurde erklärt, dass ich soeben einen Verstoß der ersten Kategorie begangen hätte und das 400 Dirham kosten würde. Ich versuchte dem Police Royal zu erklären, dass ich selbstverständlich noch angehalten hätte, aber halt vorne direkt an der Kreuzung. Er ging mit mir zum Stoppschild und zeigte mir die Haltelinie direkt am Stoppschild, die, wenn auch leicht verblichen, deutlich zu erkennen war. Hier hätte ich halten müssen, nicht erst an der Kreuzung. Wieder kam die Frage, ob ich denn bereit wäre zu bezahlen. Diesmal allerdings war ich nicht bereit, denn 36 Euro fand ich einfach etwas happig. Also erklärte ich ihm mit meinen 10 Brocken französisch, dass ich 400 Dirham doch „tres beacoup“ für „petit“ fände. Nach ein paar weiteren Belehrungen durfte ich dann für diesmal weiterfahren. Beim nächsten Mal wäre ich aber fällig. Ich bedankte mich mehrmals sehr freundlich und wir durften unsere Fahrt kostenlos fortsetzen.

Abends in Taliouine nahmen wir ein Zimmer in einer der wenigen Unterkünfte. Und wir waren mal wieder sehr positiv überrascht. Es war eine ganz einfache, günstige Unterkunft, aber sie war sauber und das Personal überaus freundlich, nett und hilfsbereit. Wir bestellten uns z. B. einen Tee, der selbstverständlich aufs Zimmer gebracht wurde ohne das wir darum baten. Abendessen muss man in den kleinen Dörfern im Atlas oftmals in der Unterkunft, denn Restaurants gibt es schlichtweg nicht überall und manchmal ist das Abendessen auch schon im Übernachtungspreis inklusive. Es gibt in den Dörfern bestenfalls ein paar Imbisse, aber das war´s oft auch schon, was schade ist, denn ich esse gerne draußen auf der Straße oder in Lokalen mit Einheimischen.

Generell fanden wir alle Unterkünfte, egal ob etwas teurer, oder sehr günstig einfach gut. Wir hatten keine Reinfälle. Das schöne war, dass wirklich jede Unterkunft anders war und ihren eigenen Flair, eigene Geschichte, eigenen Charme hatte. Wir hatten nie das Gefühl: „Kennen wir schon“, oder „geht gar nicht“.
Nach den Riads in Marrakesch und Essaouira nun die günstige Unterkunft in Talouine die von Bikern und Trekkern frequentiert wird, mit denen und deren Berber-Führer wir beim Abendessen zusammen an zwei großen Tischen saßen und ins Gespräch kamen und einen schönen Abend verbrachte. Oder am nächsten Tag bei Moha und seiner Familie in Boumalne du Dades, in einer neuen, aber nach alten Plänen, mit Originalmaterialien gebauten Kasbah. Moha, ein Berber, der Englisch und Linguistik studiert hat und uns beim Abendessen viel über die Geschichte Marokkos und der Berbertraditionen erzählte. Wir in Europa sehen Marokko immer als ein nordafrikanisch-arabisches Land. 75% der Marokkaner sind aber Berber, nicht Araber. Berber waren auch nie Muslime wurden nur von den Arabern islamisiert. Vielleicht der Grund, warum Marokko einen sehr liberalen Islam lebt.

Oder danach in der Todrha-Schlucht bei Julio dem Bergführer, ein Franzose portugiesischer Abstammung, der seit 7 Jahren hier lebt und etwas Berber und arabisch spricht und ganz, ganz viel über die Kultur und Geschichte der Gegend weiß. Er hatte gerade seine Mutter und Tante zu Besuch und mit ihnen, sowie zwei Venezuelanern saßen wir zum Abendessen an einer Tafel, wie im Familienkreis und hatten wieder einen wunderschönen Abend mit bleibenden Eindrücken.

Immer wenn man dann glaubt besser geht es nicht mehr, wird man wieder von neuem überrascht. Im Tal du Ziz machten wir einen Übernachtungsstop in der Auberge Valleé de Ziz, einer von nur sehr wenigen Unterkünften auf dem 30km Stück durch das Tal. Die Herberge hatte einfache Zimmer aber einen schönen Hof mit einem Pool. Wir kamen gegen 14 Uhr an und fragten, ob wir denn etwas zu essen bekommen könnten. Ja, das ginge, aber viel gäbe es jetzt nicht. Einen Salat und ein paar Hackfleischbällchen bot man uns an. Ja klar, das reicht uns auch völlig. Was wir bekamen war ein üppiges Drei-Gänge-Menü. Ein großer Salat Marrocain dann in einer Tajine die in Sud geschmorten Hackfleischbällchen mit Brot und anschließend noch einen Obstteller. Sehr köstlich! Danach tranken wir noch mehrere Tees. Ich bat noch darum ob sie uns bis morgen unsere Dreckwäsche waschen könnten, was selbstverständlich auch gemacht wurde. Wir blieben den Nachmittag am Pool, tranken mehrere Tees und wurden verwöhnt von einem jungen Mann, der nach unserer Interpretation wohl einer der beiden Brüder war, die das Haus angeblich betreiben. Gegen Abend kamen noch vier Polen mit Motorrädern, die auch hier übernachteten. Wir genossen das gute Abendessen am kleinen Pool unter Sternenhimmel und ließen uns zum Frühstück wieder verwöhnen. Als ich dann bei Abreise die Rechnung bezahlte stand da das DZ mit Abendessen und Frühstück drauf und eine Flasche Wasser (alles nicht teuer). Als ich darauf hinwies, dass das Mittagessen, die Wäsche, die vielen Tees fehlten, die wir hatten, entgegnete mir der Herr an der Rezeption, vermeintlich der Bruder, der uns auch die ganze Zeit umsorgt hatte: Das ist Gastfreundschaft, das kostet nichts. Ich stand da, erst reglos, dann protestierend, was aber alles nichts half. Er wollte kein Geld für das Mittagessen, die Tees, die Wäsche annehmen. Ich war irgendwie zutiefst beschämt, ob dieser Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Da komme ich aus dem reichen Deutschland, wo man jeden Handgriff in Rechnung gestellt bekommt, wo jeder mitnimmt, was immer er bekommen kann, in das vermeintlich arme Marokko und bekomme eine Lektion in Gastfreundschaft und Großzügigkeit.

Unsere nächste Unterkunft das Ksar Jenna in Nekob übertraf dann wieder mal die Erwartungen in anderer Form. Etwas Abseits gelegen, im Reiseführer recht gut besprochen, aber nicht teuer (weshalb wir nicht viel erwarteten) kamen wir in einen Hof und dachten wir sind im Märchen aus 1001 Nacht oder in der Kulisse eine Orientfilmes. Eine so wunderschöne, stil- und geschmackvolle Unterkunft hatten wir nicht erwartet für den geringen Preis. Wieder wurden wir gastfreundlich empfangen. Man bot uns sofort ein Mittagessen. Ob wir im Hof, im Garten oder im Zimmer essen möchten? Im Garten bitte! In der Sonne oder im Schatten? Im Schatten bitte. Also wurde ein Tisch für uns einer der schweren Steintische in den Schatten getragen, für den es aber zwei Leute brauchte. Als ich tragen helfen wollte, wurde mir das verboten, stattdessen wurde ein Kollege gerufen, der mit anpacken musste. Wir fühlten uns wie Königin und König, die nun in dieser wundervollen Kulisse einen wundervolles Essen serviert bekamen.

Und wenn ich mich nun zum wiederholten Male wiederhole: Unsere nächste Unterkunft das Sauvage Noble war wieder mal ein Höhepunkt und eine Welt für sich. Von einem gemeinnützigen Verein von Touareg betrieben wurden wir vom Direktor Abdellah mit Wasser, Tee, Datteln, Nüssen und Gebäck empfangen. Abdellah hat mehrere Jahre in Deutschland studiert und leitet die Societé Renard Blue Touareg. Das Hotel ist so geschmack- und Stilvoll eingerichtet, das man es eigentlich gar nicht mehr verlassen möchte.

Aber von den Unterkünften zurück zur Reiseroute

Talouine unseren ersten Stopp nach Essaouira erreichten wir spät nachmittags. Der Ort ist Ausgangspunkt für Trekkingtouren oder Zwischenstop von/in den Hohen Atlas, hat nichts besonderes zu bieten, ist aber wieder mal ein Beispiel dafür, dass man nicht so sehr nach Reiseführer reisen sollte, denn die Menschen in Talouine empfingen uns überaus freundlich und es macht Spaß einfach durch den Ort zu schlendern und die Atmosphäre zu genießen. Wir kamen am späten Nachmittag an und so blieb noch Zeit für einen Spaziergang durch den Ort. Überall wurden wir nett, freundlich und neugierig begrüßt. Besonders die Kinder, und da vor allem die Mädchen, grüßten immer besonders vorlaut, nett und freundlich. Mehrmals passierten wir Gruppen von Kindern und als wir fast an ihnen vorbei waren schallte uns ein vorlautes, freundlich, keckes „Bonjour Monsieurs“ hinterher. Wenn ich mich dann umdrehte und sagte: Oh, excusé moi madmoiselles, bonjuor“ brach ein Gekichere und Lachen aus.
Leider ist das der dritte Wehrmutstropfen. An den touristischen Brennpunkten stehen auch immer Kinder da, aber die grüßen nur um im gleichen Atemzug die Hand aufzuhalten und zu betteln. Eine Unsitte, die angeblich erst in den letzten Jahren zu überhand genommen hat. Aber auch da vorsichtig sein, manchmal fragen die Kinder auch nur, ob man ihnen nicht die Euros in Dirhams wechseln kann, die sie wohl von anderen Touristen bekommen hatten, was wir auch immer machten.

Talouine war für uns der Eingang zum Hohen Atlas und kurz dahinter bei Ouarzazate zur Straße der Kasbahs die wir am nächsten Tag starteten. Nun wurde die Landschaft grandioser und beeindruckender als von Essaouira nach Talouline. Hochtäler umrahmt von teils schneebedeckten Bergen durchzogen von kleinen Flussläufen um die herum sich ein grünes, fruchtbares Band von Oasen und Gärten durch die Hochebenen zieht.

Man passiert unzählige kleine Ansiedlungen und Kasbahs, manche verfallen, manche bewohnt, manche einzeln stehend, manche in Ansammlungen. Kasbah, arabisch für Burg sind aus Lehm gebaut, boten früher Schutz vor Überfällen und waren Sitz der lokalen Fürsten. Also genau die selbe Funktion wie unsere Burgen in Europa. Viele Kasbahs wurden verlassen und aufgegeben, weil die Lehmbauten recht anfällig und wartungsintensiv sind. Quasi nach jedem starken Regen muss ein wenig repariert werden. So zogen viele Leute in moderne Häuser um. Inzwischen ist man sich dem historischen und touristischen Wert der Kasbahs bewusst und viele werden wieder restauriert, teils mit staatlichen Mitteln.

Man sollte gar nicht so viel in den Reiseführer schauen, sondern einfach anhalten wo es einem gefällt und durch die Dörfer und Kasbahs spazieren. Man entdeckt dabei so viele schöne Plätze und Sehenswürdigkeiten und oftmals ist man ganz alleine, denn es steht ja nicht im Reiseführer und somit halten auch kaum andere Touristen und schon gar keine Rundreisebusse. Von manchen Dörfern und Kasbahs, die wir besichtigt haben, wissen wir bis heute nicht wie sie heißen. Aber was macht das schon?

Nördlich von der Straße der Kasbahs zweigt bei Boumalne du Dades das Dades-Tal ab. Wir fuhren es bis zum Ende, wo es immer einsamer wurde und drehten erst um als die Schotterpiste nur noch für Esel und Jeeps wegbar war und suchten uns eine Unterkunft für die Nacht im Tal.

Nur wenige Kilometer weiter auf der Straße der Kasbahs zweigt bei Tinerhir wieder nach Norden das nächste Tal mit der Todrha-Schlucht ab. Dort bezogen wir gleich am Anfang des Tals bei Julio Quartier und unternahmen eine ca. dreistündige Bergwanderung. Julio ist Bergführer und hat einige der Wege selbst angelegt, auch den, den wir an dem Nachmittag liefen. Fast am Ende der Tour, ca. 30 Minuten vor Erreichen des Endpunktes kommt man an dem Berberzelt von Aysha vorbei. Aysha, sehr geschäftstüchtig empfängt die Wanderer schon ein Stück vor ihrem Zelt und bittet alle herein und serviert Tee. Als Julio den Weg angelegt hat, lag Ayschas Zelt nicht am Weg. Man kann nicht mehr so genau sagen, ob sich der Weg im Laufe der Zeit ein wenig verändert hat, oder ob Ayscha ihr Zelt zum Weg verlegt hat, weil sie merkte, dass er eine gute Einnahmequelle ist. Aysha spricht weder Französisch noch sonst eine andere Sprache außer Berber und vielleicht Arabisch, so konnten wir lediglich mit Händen und Füßen in Erfahrung bringen, dass die beiden noch anwesenden jungen Frauen ihre Tochter und Schwiegertochter waren und sie keinen Mann mehr hat. Julio erzählte und dann folgende Geschichte zu Aysha. Als Aysha noch einen Mann hatte tauchte sie eines Tages mit erheblichen Verletzungen im Gesicht im Ort auf. Angeblich wäre sie „den Berg herunter gefallen“, was aber keiner glaubte, denn Berber verbringen ihr ganzes Leben in den Bergen, die fallen nicht „den Berg runter“. Ungefähr vier Wochen nach diesem Vorfall fiel Ayshas Mann dann den Berg runter. Im Gegensatz zu ihr hat er den Sturz nicht überlebt. Im Dorf ist man der festen Überzeugung, dass Ayhas Mann wohl nicht ganz freiwillig und von selbst den Berg runtergefallen ist.

Ein Muss auf der Reise durch den hohen Atlas ist der Besuch eines Berbermarktes. Montags ist Markttag in Tinerhir und bevor wir Julio an diesem Montag verließen machten wir noch einen kurzen Abstecher auf den Markt, der sich allerdings zwei Stunden hinzog. Auch hier sind die Leute nett und freundlich und man muss/soll keine Berührungsängste haben. Auf den Markt kommen alle Berber aus den Bergen und der Region um einzukaufen und ihre Produkte zu verkaufen. Es ist ein buntes, geschäftiges und schönes Treiben von dem man sich einfangen und treiben lassen kann. Obst, Gemüse, Gewürze, Fleisch, lebende Tiere, Geschirr, aber auch Fahrräder, Türen, Fenster, Waschmaschinen werden angeboten. Natürlich gibt es auch Essen und Trinken.
In einer Ecke des Marktes gab es Getreide und getrocknete Datteln in großen Mengen, was alles in großen Haufen auf dem Boden lag. Bei einem der Dattelverkäufer, der große Haufen mit unterschiedlichen Datteln vor sich ausgebreitet hatte, kniete ich nieder und fragte ob ich eine der Datteln den probieren darf, was natürlich erlaubt wurde. Ich probierte eine und entschied mich dann zwei Hände voll zu kaufen. Ich griff also mit zwei Händen in den Haufen Datteln und bat um eine Tüte. Als ich die zwei Hände voll in die Tüte gepackt hatte und bezahlen wollte schauten die beiden Männer sich etwas ratlos und ungläubig an. Nach einem kurzen Moment beschied man mir, dass ich nichts bezahlen müsste und sie mir die Datteln schenken würden. Ich vermute nachträglich mal, dass dieser Bereich des Marktes jener für das Viehfutter war, denn im Obst- und Gemüseteil des Marktes lagen keine so großen Berge Datteln, und auch nicht auf dem Boden. Deshalb vermute ich, dass ich wohl Viehfutter gekauft habe, was natürlich in der Regel nicht in so kleinen Mengen ge-/verkauft wird und die beiden Berber sich wohl noch heute über den doofen Touri wundern, der ihren Tieren das Futter wegisst.

Das Licht und die Weite, die uns schon in den Hochtälern des Atlas beeindruckt hatten, erlebten nochmal eine Steigerung. Eine Landschaft in braun (und grün in den Oasen). Ich weiß gar nicht, ob unsere Sprache überhaupt genug Begriffe hat um diese Vielzahl von Brauntönen zu beschreiben. Ein magisches Licht und magische Farben. Eine Landschaft die verzaubert, die einen einfängt und irgendwie nicht mehr loslässt. Manchmal war ich schon fast ein Verkehrshindernis, weil ich so langsam über die Landstraßen fuhr, begeistert und berauscht von der Landschaft.

Drei Kilometer außerhalb der kleinen Oasenstadt Nekob (oder auch N´kob geschrieben) machten wir Station in der „Filmkulisse“ des Ksar Jenna. Iin Nekob sollen 45 Kasbahs stehen, denn früher mal war Nekob die Berberhauptsatd und wichtiger Kreuzungspunkt von Karawanen. So machten wir uns am nächsten Morgen zu Fuß auf die 3 km von unserer Unterkunft nach Nekob. Auf dem Weg in den Ort begleiteten uns schnell ein paar Jugendliche, die auf dem Weg zu Schule waren und das Gespräch mit uns suchten. Neugierig, nett und freundlich, wie immer und überall hier im Lande.

In Nekob kauften wir dann noch zwei drei Meter lange Baumwolltücher und eine Taschenlampe für unsere bevorstehende Wüstentour. Als ich an einem Herrenfriseur vorbeikam entschied ich, dass mal wieder eine Rasur nicht schaden könnte. Wir verhandeln inzwischen auch keine Preise mehr im Voraus. Das ist hier außerhalb der Märkte einfach nicht nötig. Nach der Rasur fragte ich was ich schuldig bin und bekam zur Antwort: „Was immer Du willst“.
Nein, nicht was ich will, was Du willst, denn ich will gar nichts zahlen.“
Das ist auch ok, wenn Du nichts zahlen willst ist es auch gut.“
Ich hielt ihm dann zwei 20-Dirham-Scheine hin, er nahm sich einen davon und wir waren beide zufrieden.

Nekob macht bei der Durchfahrt nicht den Eindruck einer ehemaligen wichtigen Stadt und auch von den 45 Kasbahs ist nichts zu sehen. Wenn man dann in die Gassen des Ortes einbiegt und leicht bergab Richtung Oase zum Wasser läuft, offenbart sich eine Schönheit sondergleichen. Ganz viele Kasbahs, etliche davon inzwischen restauriert, bieten eine zauberhafte Kulisse. Wir streiften durch die Gassen, vorbei an Frauen die an einer Wasserstelle Kleider wuschen, immer wieder begrüßt von Kindern und waren uns einig, dass dies wohl einer der schönsten Orte unserer Reise ist.

Unsere quasi letzte Station führte uns dann ins fruchtbare Draa Tal nach Zagora, nur ca. eine Stunde Fahrt von Nekob entfernt. Von hier aus brechen wir morgen für sechs Tage zu Fuß und mit Dromedaren auf in die Wüste, bevor es dann zurück nach Marrakesch und wieder nach Hause geht.

In Unserer Unterkunft dem Sauvage Noble unterhielt ich mich mit dem Direktor des Hauses und der Societé Renard Bleu Touareg, Abdellah, studierter Anthropologe, davon mehrere Jahre in Marburg. In Marokko sind 27% der Menschen unter 15 Jahre. Mich interessierte, wie man diesen vielen jungen Menschen eine Perspektive geben will. Die Arbeitslosigkeit in Marokko ist schon jetzt riesig. Selbst Akademiker wie Ingenieure und Informatiker, Leute die in Europa gefragt und gesucht sind, finden keine Arbeit im Land. Abdellah ist allerdings sehr optimistisch. Der liberale König Mohammed VI, der seit 1999 regiert, hat das Land schon sehr verändert. Viel in Bildung investiert (was man auch sieht wenn man durchs Land fährt), die Frauenrechte gestärkt (was auf großen Widerstand stieß) und das Land modernisiert. Abellah sagt: „Unser Arabischer Frühling war 1999 als Mohammed VI den Thron bestieg.“ Und es gibt in Marokko ein Sprichwort: „Hoffnung und Geduld sind der Schlüssel zum Himmel.“

Am nächsten Morgen geht es dann für sechs Tage in die Wüste.
Um 8:30 treffen wir unseren Führer Brahim in Zagora und wir besprechen nochmal die Tour und können auch noch Wünsche und Änderungen einplanen. Brahim macht Vorschläge, fragt ob wir es lieber ganz einsam hätten, oder auch Nomaden sehen/treffen möchten, etc.. Nachdem wir die Tour dann grob festgelegt haben, fahren zwei Stunden von Zagora in Richtung M´Hamid, den letzten Außenposten vor der Wüste und der algerischen Grenze. Dort warten drei Kamele und zwei Nomaden, die uns die nächsten sechs Tage durch die Wüste begleiten werden.
Die Kamele sind eigentlich Dromedare und es gibt in ganz Marokko auch nur Dromedare, aber alle Leute reden immer von Kamelen, deshalb werde ich auch weiterhin den Begriff Kamele benutzen.

Gegen Mittag laufen wir los. Ein gemächliches Tempo, schön langsam und nach einer Weile des Schweigens haben wir unseren Rhythmus gefunden. Brahim unser Führer erzählt uns, dass unsere Begleiter Bashir und Mohammed heißen. Bashir ist Touareg, Mohammed Berber von Stamm der Itosha. Beide sprechen unterschiedliche Sprachen (Berber und Touareg) und ihre gemeinsames Kommunikationsmittel ist ein arabischer Dialekt.

Nach ungefähr drei Stunden ist das Nachtlager für den ersten Tag erreicht. Etwa 3 km von M´Hamid entfernt schlagen wir, genauer gesagt unsere beiden Begleiter Mohammed und Bashir, unser Lager in den Dünen auf. Wir brauchen nur im Schatten zu liegen und die Wüste zu genießen. Nach dem Abladen und dem ersten Einrichten am Platz (egal ob mittags oder abends) bereitet Bashir immer, und das wird sich die nächsten Tage auch nicht ändern, einen Tee zu, dessen Zubereitung an eine japanische Teezeremonie erinnert. Mehrfach wird der Tee in Gläsern umgeschüttet, wieder zurück in die Kanne und wieder in die Gläser. Diese Art der Zubereitung ist Tradition bei den Touareg. Mohammed der Berber findet den ganzen Aufwand nicht nötig und würde den Tee auch einfach nur aufgebrüht trinken.

Wir laufen dann mit Brahim noch nach M´Hamid, weil dort gerade ein Musikfestival afrikanischer Musik stattfindet und wir uns entschieden hatten das zumindest kurz zu besuchen. Zum Sonnenuntergang sind wir wieder im Camp und das Zelt ist aufgebaut, das Lagerfeuer entzündet und das Essen fast fertig. Brahim ist studierter Historiker und arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit, die das Leben der Nomaden, den Wandel, die Entwicklung für die Zukunft zum Inhalt hat. Brahim spricht mehrere Sprachen fließend und ist unser Dolmetscher um mit Mohammed und Bashir ins Gespräch zu kommen.

Nach dem Frühstück, dem Abbau des Lagers und dem Beladen der Kamele brechen wir gegen 9 Uhr am nächsten Morgen auf. Wir laufen drei Stunden durch teils sandige, teils steinige Gegend und machen gegen 12 Uhr Mittagspause, die an allen Tagen bis ca. 15:30 dauert. Unsere Begleiter laden die Kamele ab, kochen und wir müssen wieder NICHTS tun, außer den Tee zu trinken, den Bashir uns serviert. Ich bin ziemlich platt, denn es war windstill und ziemlich warm. Aber nach über drei Stunden Mittagspause ist der Akku wieder aufgeladen und weiter geht es.
Immer wieder laufen wir über Muschelbänke, denn hier war in grauer Vorzeit mal ein Meer.

Unsere Wanderung führt im weiteren Verlauf durch eine flache, weite Ebene, die bis vor Kurzem mit Wasser gefüllt war, welches hier im Winter immer einen See bildet um dann im Januar oder Februar zu verdunsten.

Als Folge dessen wird die Gegend um den ehemaligen Sees im Frühjahr immer sehr grün, bis dann ab ca. April auch hier wieder die Wüste die Oberhand gewinnt. Wilder Ruccola wächst hier, ein Festmahl und eine Abwechslung für die Kamele, weshalb es viele Nomaden mit ihren Kamelen hierher zieht. Wir laufen bestimmt eine Stunde lang an Kamelherden vorbei. Schon von Weitem sieht man dann unser Nachtlager, eine einzelne Akazie inmitten der flachen Weite, die wir dann aber irgendwie ewig nicht erreichen. Sieht so nah aus, ist dann aber doch noch so weit weg. Nur ungefähr 30 Fußminuten von unserem Nachtlager entfernt befindet sich ein Brunnen mit Tränke für Tiere. Permanent ziehen Kamele an unserem Lager vorbei Richtung dieser Tränke.

Wieder gibt es als erstes Tee, bevor es an die Zubereitung des Abendessens geht, das immer über dem offenen Feuer gekocht wird. Während die ersten Tage noch eine gewisse Distanz da ist, wird die im Laufe der nächsten Tage fast aufgelöst. Anfangs sitzen wir ein wenig getrennt. Hier wir, dort Brahim, Mohammed und Bashir (wobei Brahim mal bei uns mal bei den beiden anderen sitzt). Erst essen Andrea und ich und erst wenn wir fertig sind essen unserer drei Begleiter. Ab dem dritten Tag hat sich das mehr oder weniger angeglichen und wir sitzen zusammen ums Feuer und essen zur selben Zeit. Die Stunden um das Feuer am Abend werden im Laufe der sechs Tage mehr und mehr zu einer wundervollen Zeit, in der wir viel reden, viel lernen, viel erfahren. Es ist erstaunlich, wie nahe man sich kommen kann und wie viel man über den anderen erfahren kann, obwohl man keine gemeinsame Sprache spricht. Vieles geschieht nonverbal, manches übersetzt Brahim für uns.

An diesem Abend am Feuer erzählt uns Brahim, dass seine Heirat eine von seinem Vater arrangierte war. In den Städten gibt es das heute kaum noch, aber bei den Nomaden ist das auch in der heutigen Zeit noch völlig normal. Sein Vater hat damals seine Hochzeit arrangiert und Brahim war schon 30, mit dem Studium fertig, sein Vater inzwischen verstorben, aber trotzdem war es für ihn nicht möglich die Hochzeit abzulehnen. Er erzählte uns ausführlich über das ganz streng festgelegte Hochzeitsritual, den Ablauf bis zur Hochzeitsnacht und gestikulierte dabei so wild und intensiv, dass Bashir plötzlich anfing zu lachen, weil es bei ihm genauso war. Seine zehn Worte Englisch in Verbindung mit der Gestik von Brahim haben ausgereicht zu verstehen um was es gerade geht. Wir haben uns alle köstlich amüsiert. Brahim ist mit der Frau immer noch zusammen und sie haben zwei Kinder. Zwei Tage später fragte ich ihn am Feuer, wie er es denn mit seinen Kindern hält, ob sie denn selber entscheiden können, wen sie heiraten. Völlig entrüstet und fast vorwurfsvoll sagte er: „Dieter….. was glaubst Du denn von mir? Natürlich dürfen meine Kinder heiraten wen immer SIE wollen“

Am nächsten Morgen geht’s zum Wasserloch. Hunderte Kamele und auch Ziegen werden von Ihren Besitzern hierher gebracht zum Trinken. Wobei ganz klar ist: Ziegen sind Frauenarbeit, Kamele sind Männersache. Dazu gesellen sich wilde Esel, die auch was vom Wasser abbekommen. Der moderne Nomade fährt heute Motorrad oder Jeep und treibt so seine Kamele vor sich her, laufen tut kaum noch einer, das stellen wir hier am Wasserloch wo sich viele Treffen schnell fest. Das Wasserloch ist auch Treffpunkt und ein Ort des Austausches von Neuigkeiten und Tratsch und Klatsch, auch wenn man heute in der Wüste Marokkos nicht mehr abgeschnitten ist. Überall wo wir waren hatten wir auch ein Handynetz. Manchmal nur schwach und oben auf der Düne, aber dennoch.

Nachmittags geht es durch ganz flaches Gelände, es ist heiß und windstill und wir erreichen fürs Nachtlager ein Gebiet mit kleinen Sanddünen. Das von Bild von uns Europäern über die Sahara ist geprägt durch Fernsehen und Filme und hat wenig mit der Realität zu tun. Bei Sahara denken wir an Sand und Dünen, aber nur ca. 20% der Sahara sind Sand, der Rest ist Steine, Felsen, Savanne.

Nach seinem Alter gefragt berichtet Brahim, dass er laut Pass 45 Jahre alt ist, ganz sicher weiß er das aber nicht. Viele ältere Marokkaner wissen nicht genau wie alt sie sind. Erst 1976 wurde die Pflicht eines Familienbuches für alle Marokkaner eingeführt. Bis dahin war das nicht wichtig. Als seine Eltern das Familienbuch erstellen mussten hatten sie schon vier Kinder und haben versucht zu rekonstruieren, wann denn welches Kind geboren wurde. Bei Brahim meinten Sie, dass es in dem Jahr war, als im Nachbarort ein bestimmtes offizielles Gebäude gebaut wurde. Das Baujahr des Gebäudes war leicht herauszufinden, 1972. So kam Brahim zu seinem Geburtsjahr, aber so ganz sicher ob das auch stimmt ist niemand. Als Tag wurde dann von den Behörden einfach der 1.1. genommen, wie bei allen, bei denen das Datum nicht bekannt war. So gibt es ganz viele ältere Marokkaner, die als Geburtsdatum den 1.1. im Pass stehen haben. Alle drei Geschwister von Brahim haben auch den 1.1. als Geburtsdatum. Die Schulfähigkeit wurde durch einen einfachen Test festgestellt. Man hebt den rechten Arm über den Kopf, wenn man dann das linke Ohr greifen kann, ist man ungefähr sechs und damit schulfähig. Diesen Test musste auch Brahim am ersten Schultag absolvieren, bevor er zum Unterricht durfte.

Wir verzichten ab jetzt auf das Zelt und schlafen im Freien, das ist so zwar etwas kühler aber viel schöner. Fast die ganze Nacht ist der Mond am Himmel zu sehen, der nun fast halb ist und so viel Licht abstrahlt, dass man keine Taschenlampe braucht.

Am nächsten Morgen hebt der Wind an und es pfeift ganz schön. Zum Glück von hinten, so dass wir nicht gegen den Sand laufen müssen, den man aber trotzdem überall hat. In Augen, in Ohren, im Mund, in den Taschen, in der Kleidung. Nun wissen wir, warum wir uns einen Schesch zugelegt haben und keinen Sonnenhut, Basecap, o. ä.. Der Schesch ist das Tuch, welches die Nomaden um den Kopf tragen. Es ist min. 3 m lang und wird in unterschiedlicher Weise (je nach Stamm und Tradition) um Kopf und Hals gebunden. Somit ist Hals, Nacken, Schultern und Kopf von der Sonne geschützt. Bei Wind kann man es dann über Augen, Mund und Nase ziehen und hat auch ist so halbwegs vor dem Sand geschützt. Die Landschaft ist in einen Schleier gehüllt, der Horizont verschwimmt im Dunst des aufgewirbelten Sandes, nur die Sonne, die hoch am Himmel steht scheint gnadenlos vom klaren Himmel herunter. Der Wind kühlt jedoch so sehr, dass man fast fröstelt. Das ist aber alles noch harmlos. Ein wenig Wind, ein wenig Sand überall, wie Brahim sagt. Bei einem Sandsturm ist so viel Sand in der Luft, dass man höchstens noch einen Meter weit sieht. Zieht ein Sturm auf und man kommt nicht mehr rechtzeitig aus sandigem Gebiet raus kann man sich nur hinsetzen, Kamele und Menschen eng beieinander und warten. Der längste Sturm, den Brahim mal bei einer Tour mit Touristen erlebt hat dauerte drei Tage. Allerdings war er da mit einem Jeep unterwegs, nicht mit Kamelen. Fahren geht dann aber auch nicht mehr und so mussten sie damals drei Tage im Auto ausharren. Essen, schlafen, kochen, alles im Auto.

Mittags erreichen wir die großen Sanddünen Bougren (die mit den Hörnern). Hier sieht es aus, wie wir Laien uns die Sahara vorstellen: Weicher, feiner Sand so weit das Auge reicht, dazwischen ein paar Bäume. Lawrence von Arabien, Karl May und etliche orientalische Schmachtfetzen lassen grüßen. Meine sarkastische Fantasie läuft auch gleich auf Hochtouren und ich entwerfe den Plott zu einem Film: „F…. im Sand“, etwas weniger pornografisch „Liebe im Sand“, oder irgend sowas. Regie unbedingt Dieter Wedel, in den Hauptrollen vielleicht Christiane Neubauer, oder eine andere deutsche „Charakterdarstellerin“. Handlung: Liebe und Herzschmerz, aber eigentlich auch egal, Hauptsache schöne Klischeebilder und ein Happy End. In der Rolle des stolzen Wüstenbewohners würde sich unser Begleiter Bashir wirklich gut machen, aber das mit der deutschen „Charakterdarstellerin“ möchte ich ihm eigentlich nicht antun. Ok, ich gebe zu an dem Drehbuch muss ich noch ein wenig arbeiten, aber die Idee ist sicher gut.

Ich klettere noch vor dem Mittagessen auf die großen Dünen und genieße den tollen Ausblick in die milchige, vom Sand immer noch verwehte Weite in der der Horizont verschwimmt. Nach dem Essen wandere ich nochmal mit Andrea über die Dünen und wir sind total in den Ort verliebt. Ich gehe zu Brahim und sage: Wenn ich nochmal wiederkomme und eine Tour mit Dir mache, Inschallah, will ich hier an diesem Ort übernachten. Kein Problem…. Ruckzuck hat Brahim das Programm umgestellt und wir ziehen nicht weiter, sondern bleiben die Nacht hier. Das Fahrzeug, das uns abholen soll, wird er am Tag vor dem Ende der Tour einfach zu einem anderen Abholpunkt bestellen. Wir verbringen den späten Nachmittag bis nach Sonnenuntergang in den Dünen und genießen den Blick und die Stimmung, auch wenn der Wind nur wenig nachlässt und immer noch viel Sand durch die Luft weht. Plötzlich taucht Ali auf, der weiter unten ein Camp bewacht. Er hat uns auf den Dünen gesehen und da er sonst wohl nicht viel Abwechslung hat kommt er auf ein Schwätzchen nach oben zu uns.

Zum Sonnenaufgang erklimmen wir nochmal die Dünen bevor wir weiter ziehen und meine teure sogenannte Profikamera kurze Zeit später ihren Geist aufgibt. Da bewahrheiten sich wieder die Vorurteile vieler Profis, die der Meinung sind, dass für den harten Außeneinsatz nur Nikon infrage kommt und Canon einfach Mist ist. Inschallah, oder was soll man sagen…..

Ohne Kamera geht’s also die letzten beiden Tage weiter. Während wir so vor uns hin laufen kommt Brahim an meine Seite und erzählt mir, dass Bashir und Mohammed sich unterhalten hätten und es ihnen so Leid für mich tut, dass nun meine Kamera kaputt ist. Mich überrascht immer wieder die Herzlichkeit der Menschen. Sie werden dafür bezahlt uns zu begleiten, machen eigentlich nur einen Job und es könnte ihnen eigentlich völlig egal sein, ob der „doofe Touri“ nun Fotos machen kann oder nicht. Aber so sind die Menschen hier einfach nicht und das macht es so schön hier in Marokko.

Das Laufen mit den Kamelen ist wunderschön. Die Kamele sind meist sehr ruhige und langsame Tiere und man gleicht sich so an. Die Nomaden an die Kamele, die Kamele an die Nomaden, wir an Beide. Zeit verliert völlig an Bedeutung und man läuft und läuft und hängt seinen Gedanken nach.

Und irgendwie verstehen wir unseren Begleiter Mohammed sehr gut. Er ist 66, war 30 Jahre beim Militär bei einer Einheit, die genau in dieser Gegend stationiert war, durch die wir gerade laufen um das Grenzgebiet zu Algerien zu überwachen. Mohammed wohnt jetzt in einer kleinen Stadt, aber er sagt von sich, dass es ihm nur dann richtig gut geht, er lebt, wenn er ein Kamel hinter sich und die Wüste vor sich hat. Er macht diesen Job nicht nur weil er das Geld braucht, sondern auch weil er die Wüste und die Bewegung braucht.
Ab dem zweiten Tag haben uns die Kamele auch als Teil der Gruppe akzeptiert und wir können uns ihnen nähern und sie anlangen, ohne das sie scheuen. Wir können sie jetzt auch führen und sie würden jetzt auch mit uns mitgehen, egal wohin. Eines der drei Kamele ist noch sehr jung und noch nicht ans Tragen und Karawane gewöhnt, noch nicht domestiziert.. Sobald Bashir oder Mohammed in seine Nähe kommen fängt es sofort an zu zetern und schreien. Mehrmals hat es auch versucht abzuhauen und Bashir und Mohammed hatten alle Hände voll zu tun es wieder einzufangen und an die Leine zu legen. Den Kamelen werden nachts die Vorderfüße zusammen gebunden damit sie nicht zu weit laufen können. Kamele sehen nachts so gut wie tagsüber und können in einer Nacht leicht 20 km zurück legen. Wenn sonst keine natürliche Nahrung vorhanden ist, hilft es auch ihnen einen Haufen Futter hinzulegen, dann bleiben sie auch hier und bewegen sich nicht weg.

Andrea hat das junge Kamel mal mit einer Orange gefüttert (Kamele lieben Orangen). Das ist den anderen natürlich nicht verborgen geblieben und sie haben nun immer aufgepasst, dass sie auch was abkriegen, wenn Andrea mal wieder das kleine gefüttert hat. Einmal saßen wir dann nachmittags auf unserer Decke und aßen eine Orange, als plötzlich eines der älteren Kamele die Orange roch und zu uns kam um ein Stück von der Orange abzukriegen. Als Mohammed es wegführen wollte legte es sich demonstrativ zu uns auf die Decke und wollte nicht gehen, bevor es was von der Orange gab. Kamele sind zwar überhaupt nicht aggressiv, aber wenn man am Boden sitzt und 300 kg Kamel vor einem stehen ist man schon ein wenig eingeschüchtert.

Die fünfte und vorletzte Nacht verbrachten wir in einer Dünenlandschaft mit kleinen Dünen und wir schliefen diesmal ganz oben auf der größten der Dünen mit rundum Blick und freier Sicht. Abends am Feuer saß ich bei Bashir, schaute ihm beim Backen von Brot zu und wir lehrten uns gegenseitig Vokabeln. Immerhin konnte ich mir merken was Mehl, Hefe, Salz, Guten Morgen auf arabisch heißt.

Am letzten Tag liefen wir durch Sand und da es die ganze Nacht windstill sah man die Spuren der Nacht. Die Wüste lebt, wie wir älteren ja seit dem berühmten Dokumentarfilm wissen. Wir fanden Spuren von Füchsen, Springmäusen, Igeln, Hasen und natürlich den immer und allgegenwärtigen Käfern. Wir liefen so vor uns hin als Brahim neben uns auftauchte und erzählte, dass Bashir und Mohammed sich gestern am Lagerfeuer, als wir schon in den Schlafsäcken lagen, unterhalten haben und gesagt hatten, sie wünschten sich, dass die Tour nicht zu Ende wäre und sie nochmal sechs Tage mit uns durch die Wüste gehen könnten. Was für ein Kompliment, was für ein Zeichen der Zuneigung, wir waren sehr gerührt. Aber auch wir wären gerne noch weiter mit den Dreien durch die Wüste gelaufen.

Beim letzten Lagerfeuer bekamen wir dann eine Einweisung in die Musik der Berber und Touareg mit Gesangsvorführungen und Texteinführungen von Brahim, Bashir und Mohaemmed, die Lieder für uns sangen. Brahim ist in früheren Jahren auch mal mit einer Band aufgetreten und hat großes musikalisches Talent. Andrea interessierte die Musik an sich, ich dagegen wollte wissen was denn der Inhalt der hiesigen Musik ist, wenn Dinge wie Liebe und Leidenschaft ja verboten sind. Bei uns haben fast alle Lieder, speziell die der seichten Musik Liebe, Sehnsucht und Herzschmerz zum Inhalt. Hier gibt es Liebe ja nicht, denn alles was damit zu tun hat ist tabu oder wird arrangiert. Aber oh Wunder; Auch hier ist der Inhalt Herzschmerz und Liebe, nur darf man diese Wörter nicht benutzen. So handelt z. B. sinngemäß der Text eines Liedes von einem Wanderer, der an einem Zelt vorbeikam in dem er den besten Tee seines Lebens bekam. Seitdem muss er immer an diesen Tag in diesem Zelt denken. Der Tee steht dabei natürlich sinnbildlich für eine Frau. Also fast alles wie bei uns auch.

Am nächsten Morgen ist dann unser Trip in die Wüste endgültig zu Ende und wir müssen Abschied nehmen, was uns schon ein wenig schwer fällt.

Wir beziehen wieder ein Zimmer im Sauvage Noble in Zagora wo wir wieder verwöhnt werden. Abdellah der Chef bringt uns persönlich nach Zagora in „seinen“ Hamam wo wir uns den Staub der Wüste abwaschen lassen und uns eine Massage gönnen.

Die letzte Nacht vor unserem Rückflug verbringen wir im Hohen Atlas zwischen Ouzarzarate und Marrakesch. Diesen Landstrich kennen wir noch nicht, da wir auf dem Hinweg ja über Agadir in den Hohen Atlas gekommen sind. Einen grandios Landschaft entfaltet sich. Wir klettern nochmal auf einen kleinen Berg mit einer verfallenen Kasbah auf der Spitze und genießen die Aussicht auf die Täler und die schneebedeckten Gipfel des Atlas. Wieder haben wir mit der Herberge Darisselday eine wunderschöne Unterkunft mit total freundlichen, zuvorkommenden Service und tollem Essen gefunden. Diesmal sind es drei Brüder, denen das Haus gehört. In Marokko hat man eigentlich immer mit Männern zu tun. Frauen arbeiten nur im Hintergrund (Ausnahme in den Städten und bei internationalen Unternehmen), nie direkt mit dem Gast. Ob das rein religiöse, oder auch traditionelle Gründe hat weiß ich nicht genau. Wir erfuhren auf unserer Reise, dass die Ehefrauen im traditionellen Familienbild überhaupt nicht arbeiten. Der Mann ist für den Unterhalt der Familie zuständig und verantwortlich und es würde wohl seine Ehre verletzen wenn er nicht in der Lage wäre die Familie zu ernähren.

Nach dem Frühstück beginnen wir die dreistündige Fahrt zum Flughafen in Marrakesch. Unterwegs nehmen wir wieder Anhalter mit, wie wir es auch vorher schon oft getan haben. Häufig sind es Jugendliche auf dem Weg von und zur Schule, aber nicht nur. Je weiter man sich von den Hauptstraßen entfernt, je seltener die Busse fahren, desto öfters stehen Leute am Straßenrand und heben den Daumen. Ich kann allen Reisenden mit Auto nur empfehlen Anhalter mitzunehmen. Es waren immer nette Begegnungen, auch wenn man oft kein Wort verstanden hat. Im Dades Tal kam es vor, dass ein alter Mann, der nur arabisch und Berber sprach ausstieg und eine Frau sofort fragte, ob sie den Platz von ihm haben könnte. Natürlich konnte sie! Alle, die wir mitnahmen waren sehr, sehr höflich. Die Jugendlichen sprachen kein Wort, wenn nicht wir sie ansprachen. Total zurückhaltend, was auch schade ist, denn wir hätten gerne mehr erfahren und gehört.

Die schmale Straße über die Pässe des Atlas ist eine der Hauptverkehrsachsen des Landes und viel stärker befahren als die Route über Agadir. Die Straße wird zwar gerade ausgebaut ist aber über weite Strecken noch sehr schmal, so dass es schon eng wird wenn sich zwei Busse begegnen. Die manchmal betagten LKWs keuchen im Schritttempo die Pässe hoch, geben aber immer per Blinkzeichen Bescheid, wenn man sie überholen kann, oder fahren bei jeder Gelegenheit rechts ran um die Autos hinter ihnen vorbei zu lassen, selbst wenn es nur ein, zwei oder drei sind.

Wir sind berauscht von der überwältigenden Landschaft. Die schneebedeckten Gipfel, denen wir jetzt ganz nahe kommen und immer wieder Täler und traumhafte Ausblicke. Die Traurigkeit über den nahenden Abschied nimmt immer mehr zu und beim letzten Halt in einem Café an der Hauptstraße bekommt Andrea nochmal einen Beweis der Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Sie will zu Toilette und wie fast überall gibt es auch in diesem Café nur Stehklos. Ein Mitarbeiter des Cafés bietet ihr eine leere Getränkekiste an, damit sie auf der Toilette nicht stehen muss, sondern sich setzen kann. Es sind diese vielen kleinen Dinge, die Marokko und seine Menschen so besonders und liebenswert machen. Gedanklich planen wir schon unsere nächste Reise, denn wir kommen ganz, ganz sicher wieder. Inschallah!

 

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